Zirkus ist Tradition. Zirkus ist Kultur. Zirkus ist erhaltenswertes Kulturgut. Ja, bitte sehr, hochverehrtes Publikum, herrreinspaziert! Und Manege frei – von wilden Tieren!

Es besteht kein Zweifel: Durch die Vorführung dressierter Wildtiere im Zirkus, wird Gewalt verschleiert und konsumierbar gemacht. Wer ein Herz für Tiere hat, sollte diese Art Volksbelustigung meiden. Trotzdem muss niemand auf den „Zauber der Manege“ und ein wenig Nervenkitzel verzichten. Es gibt genug Zirkus-Alternativen mit freiwilligen menschlichen Artisten, Clowns, Künstlern.

Durch Deutschland ziehen an die 370 Zirkusunternehmen und machen sich gegenseitig Konkurrenz. Die meisten treten mit Tieren auf, 150 sogar mit Wildtieren. Tiger, Löwen, Elefanten und Giraffen, Bären, Affen, Seelöwen und Robben, Zebras, Schlangen und Krokodile, Flußpferde, Nashörner … Kaum eine exotische Tierart, die nicht in irgendeinem Zirkus ihr Leben fristet, und sei es in der dunkelsten Ecke. Nicht alle haben ihren kurzen Auftritt in der Manege. Einige werden nur in Tierschauen in Käfigen gezeigt und manche befinden sich in nicht einsehbaren Transportwagen – den kritischen Blicken des Publikums, aber auch der kontrollierenden Veterinäre entzogen.

Sie haben es nicht leicht, die Amtsveterinäre, die neben ihrer täglichen Routinearbeit auch noch den Tierbestand gastierender Zirkusse in Augenschein nehmen müssen. Selten besitzen sie das Fachwissen und die Erfahrung, um den Zustand und das Wohlergehen von exotischen Tieren zu beurteilen und Mißstände abzustellen. Oft reicht es ihnen schon, wenn sie scheinbar gutgenährte Tiere antreffen, die keine offensichtlichen Verletzungen haben. Und mancher ist heilfroh, wenn der Zirkus nach ein paar Tagen wieder über alle Berge ist. Beanstandungen? Soll sich doch der Nächste mit den Zirkusleuten herumschlagen. Welch undankbarer Knochenjob! Wer ihn ernst nimmt, stößt bald an seine Grenzen. Wohin mit Zirkustieren, die wegen miserabeler Haltung beschlagnahmt werden müßten?

Als Richtschnur gelten die sogenannten Zirkus-Leitlinien. Es sind Leid-Linien im Wortsinne. Völlig unzureichende Minimalvorgaben und Empfehlungen, die zudem nicht einmal rechtsverbindlich sind. Auslegungssache eben. Was fängt ein Kontrolleur, der Tiger und Löwen zu beurteilen hat, zum Beispiel mit folgendem Leitlinien-Hinweis an: „Häufig zu beobachtendes nervöses Schwanzschlagen weist auf unqualifizierten Umgang mit den Tieren hin.“ Welcher Zirkusbesucher hat das nicht schon beobachtet? Und nun? Wer geht dem nach, wer stellt ihn ab, diesen unqualifizierten Umgang, unter dem Tiere zu leiden haben?

Man muss wissen, was das heisst, wenn sich Zirkusse brüsten, besagte Leitlinien einzuhalten, ja sie sogar noch zu übertreffen. Das ist kein Kunstück, wenn beispielsweise für Großkatzen eine Mindestkäfiggrundfläche von 12 qm für ein bis zwei Tiere, für jedes weitere Tier 4 qm zusätzlich empfohlen wird. Den Elefanten wird im Stallzelt eine Fläche von 2.5 x 4 Meter pro Tier eingeräumt. Hier sollen die grauen Riesen mit zwei Ketten, eine am Hinterbein und eine am entgegengesetzten Vorderbein, angekettet werden. Und so stehen sie dann, die Stars der Manege, Stunde um Stunde, tagein, tagaus – nur mit kurzen Unterbrechungen. Und langweilen sich und schaukeln und weben und schlagen mit dem Rüssel. Manchmal wird einem Tier das Zirkusleben unerträglich. Dann passiert ein Unglück. Aber: „Arbeitsunfälle gibt es in jeder Branche“, das hörte man kürzlich aus Zirkuskreisen, nachdem ein Dompteur von seinen Tigern nahezu zerfleischt worden war. Ein Zynismus, der kaum mehr zu überbieten ist. Wer hart zu Tieren ist, ist es vermutlich auch zu Menschen. Mitgefühl, Mitleid? Ein Luxus, den man sich hier offenbar nicht leisten kann.

Zirkusleute sind inzwischen Kritik sowie Vor-und Anwürfe gewohnt und begegnen diesen mit verblüffender Ignoranz und haarsträubenden Erklärungen:

Wildtiere? Das sind doch schon lange keine Wildtiere mehr. Die stammen alle aus Nachzuchten. Die meisten wurden von Hand aufgezogen und sind völlig zahm. Die können sich gar nicht mehr an die Freiheit erinnern.

Das Weben der Elefanten? Unsinn, das ist doch keine Verhaltensstörung, das ist nichts anderes als Vorfreude auf den Manegenauftritt – vergleichbar mit dem Schwanzwedeln des Hundes vor dem Gassigehen.

Bewegungsmangel? Warum sollten die Tiere kilometerweit laufen wollen, wenn sie täglich ihr Futter serviert bekommen?

Langeweile? Wirklich nicht. Bei uns ist doch viel mehr los als im Zoo. Proben, Auftritte, Transporte, Ortswechsel. Den Tieren gefällt das.

Anketten von Elefanten? Nur zu ihrer und der anderen Tiere Sicherheit. Vergleichbar mit den Sicherheitsgurten, die ja auch Menschen im Auto anlegen müssen.

Tierbändiger oder Dompteure nennen sich heute lieber Tierlehrer. Das klingt neutral, nicht so gewalttätig und soll wohl den Eindruck erwecken, als hätten sie ein partnerschaftliches, fürsorgliches Verhältnis zu ihren „Schülern“. Tierlehrer ist allerdings kein anerkannter Ausbildungsberuf. Tierlehrer kann sich jeder schimpfen, der mit Tieren arbeitet, ob er nun Hunde zum Männchenmachen bringt, Bären zum Radfahren oder Elefanten zum Kopfstand. „Als Alpha-Tier muss ihnen der Dompteur immer wieder klar machen, dass er der Chef ist“, so klingt es aus ihrem Berufsverband. Das hört sich nicht nach sanften Lehrmethoden an. Und in der Tat kommen – meist hinter den Kulissen – Dressur-Werkzeuge wie Elefantenhaken, Seile, Ketten, Elektroschocker, Schlagstöcke und Peitschen nach wie vor zum Einsatz. Freundliches Zureden und ein paar Leckerbissen reichen eben nicht aus, um den Willen von wilden Tiere zu brechen, sie zum Gehorsam zu zwingen und ihnen völlig artwidriges Verhalten anzutrainieren. Auch Futterentzug, Zufügen von Schmerzen und nicht zuletzt Angst sind altbewährte Zuchtmeister.

Es gibt noch ein anderes Problem, das die Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis nimmt. Es sind die unkalkulierbaren Sicherheitsrisiken, die von Wildtierzirkussen ausgehen. In anderen Bereichen des täglichen Lebens existieren enorm strenge Vorschriften – von der Hundehaltung bis zur Zootierhaltung. Für Zirkusse haben sie offenbar keine Gültigkeit. Man stelle sich vor, ein Tierpark, direkt an einer Durchgangsstraße gelegen, würde seine Elefanten nur mit dünner, stromführender Litze vor Besuchern und Straßenverkehr sichern. Undenkbar! Zirkusse dagegen führen auch Elefanten völlig ungeschützt zum Schau-Füttern auf öffentliche Plätze, lassen in der Manege Kinder darauf reiten oder machen mal eben mit vier grauen Riesen einen Abendspaziergang neben einer vielbefahrenen Straße. Sind ja zahm, die Tiere. Als gäbe es nicht zahllose Beispiele von ausgebrochenen, ausgerasteten Zirkustieren, von Verletzten und Toten – unter Tieren wie Menschen. Zudem hat es den Anschein, als würden manche Zirkusse Tierausbrüche während ihrer Gastspiele inszenieren und zu Werbezwecken nutzen. Polizei und Feuerwehr können ein Lied davon singen.

Ein Wildtierverbot in Zirkussen ist längst überfällig. Und es ist unverantwortlich, dass der entsprechene Bundesratsbeschluss von 2003 immer noch nicht umgesetzt wurde. Wer da wen im zuständigen Verbraucherschutz-Ministerium blockiert, ist nicht ganz klar. Aber auch unabhängig davon können die politisch Verantwortlichen auf landes- und kommunaler Ebene tätig werden und Wildtierzirkusse mit Gastspielverbot belegen. Sie müssen es nur wollen.

© 28.12.2009 – Karin Hutter

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