Seine Mutter, Tosca, ist eine ehemalige Zirkus-Artistin. Als die DDR und ihr Zirkus Pleite machte, kam die Eisbärin vom Regen (Zirkus) in die Traufe (Zoo). Bereits 2005 brachte sie im Berliner Zoo Drillinge zur Welt. Die waren tot. Im nächsten Jahr, 2006, bekam sie zwei Junge, um die sie sich nicht kümmerte. Offensichtlich wollte sie diese beiden auch sterben lassen. Hatte sie keine Lust auf Mutterfreuden in dieser artfremden Umgebung? Wollte sie ihren Kinder das Leben in Gefangenschaft ersparen? Wir wissen es nicht. Ein Bärchen starb, das andere bekam exklusiv einen Babysitter und wurde auf den Namen „Knut“ getauft. Die Bilder eines kleinen, mutterlosen Eisbären, betreut von seinem menschlichen Ziehvater, gingen um die Welt und lösten eine unbeschreibliche Massenhysterie aus.

Medienleute und Zoo-Fans überschlugen sich vor Begeisterung. Sie balgten sich um die besten Plätze vor einem provisorischen Gehege, aus dem man eiligst weniger attraktive Tiere ausquartiert hatte. Selbst ein Umweltminister drängte sich an Knuts Seite und behauptete, er sei nun sein Pate. Wofür ihn der Kleine in einem unbeobachteten Moment kräftig in die Hand biss.

Ein junger Eisbär spülte Geld in die notorisch klammen Zoo-Kassen, wurde gar zur eingetragenen „Marke“. Der Knut-Hype brachte dem Berliner Zoo Millionen ein. Viele Millionen! Sogar so viele, dass der Landesrechnungshof jetzt zwei Millionen Steuerzahler-Euro wieder zurückfordert. Durch die zusätzlichen Knut-Einnahmen habe sich der übliche Zuwendungsbedarf des Zoos reduziert. Wohl wahr!

Das schöne Geld weckt aber noch andere Begehrlichkeiten. Der Tierpark Neumünster beansprucht seinen Teil. Dazu muss man wissen: Knuts Vater Lars wurde von dort an den Berliner Zoo nur ausgeliehen – als Samenspender. Im „Einstellungsvertrag“ von 1999 wurde vereinbart, dass der erste lebende Lars-Nachkomme (sowie alle weiteren in ungerader Zahl) seinem Heimatzoo gehört. Durchaus übliche Praxis in Zoo-Kreisen. Eine Ablöse- oder Kaufsumme ist in derlei Fällen nicht vorgesehen. Nun ist Knut, dieser wertvolle Sohn, der erste Nachkömmling, der am Leben blieb. Wenn auch unter großem Aufwand. Also, was jetzt?

Dass die beiden Zoo-Leiter die Diplomatie nicht erfunden haben, ist inzwischen bekannt. Sie erinnern stark an zwei Gefängnis-Direktoren, die sich um den Verbleib eines liebgewonnenen, weil unbezahlbaren Insassen streiten. Besser, ihre Rechtsanwälten streiten lassen. Neulich sogar vor Gericht. Obwohl sie sich jahrelang kennen, würdigten sich die zwei Doctores während der Verhandlung keines Blickes. Eisiges Schweigen zur Causa Ursus maritimus. Wie meistens, wenn sich zwei Parteien in etwas verbeißen, geht es um Geld. In diesem Fall nicht unbedingt um die Millionen, die, Knut sei Dank, in Berlin gescheffelt wurden, aber um einige Hunderttausende, die der klagende Tierpark Neumünster als Anteil beansprucht. Wie viel ihm genau zusteht, darüber wird wohl erst in einige Monate Klarheit herrschen. Mit dem flapsigen Angebot aus Berlin, die bekommen ein paar Pinguine, und dann ist die Sache in Ordnung, lässt der sich allerdings nicht abspeisen. Zur Zeit geht der Poker hinter den Kulissen weiter. Obwohl die Verhandlung vor dem Berliner Landgericht noch kein Ergebnis brachte und wenig spektakulär war, erschienen dazu über 250 Medien-Beiträge …

Werte Kollegen, hier nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: Eisbären gehören nicht in Zoos!

Genauso wenig wie Elefanten oder Delfine und viele Wildtierarten mehr. Dieser Meinung sind nicht nur Tierschützer und Tierrechtler, sondern auch gestandene Zoo-Biologen. Trotzdem wird mit Eisbären gezüchtet auf Teufel komm raus. Immer wieder! Auch Knuts Mutter Tosca brachte vor ein paar Monaten schon wieder zwei Junge zur Welt. Sie starben, bevor man sie „retten“ konnte. Obwohl kaum ein Zoo einen halbwegs optimalen Platz für Eisbären vorhält, wird weitergemacht. Von artgerechter Haltung kann sowieso keine Rede sein. Dabei steht fest, dass diese Nachzuchten – sollten sie am Leben bleiben – niemals in die Freiheit entlassen werden können.

Von wegen „Artenschutz“! Dieses gern gebrauchte Argument zur Rechtfertigung von Zoo-Zuchten ist völlig fehl am Platze. Eisbären in Gefangenschaft als Botschafter der Arktis oder Symbol des Klimawandels? Einfach lächerlich in Anbetracht fantastischer, leicht zugänglicher Wildlife-Filme. Es geht hier einzig und allein um die Einnahmen aus der Zurschaustellung eines attraktiven und bei Besuchern beliebten Großraubtiers – ohne Rücksicht auf Verluste.

Und die gibt es, die Verluste, meine ich: In den vergangenen 25 Jahren wurden in europäischen Zoos ca. 60 Eisbären-Babys mit der Hand aufgezogen. Davon hat jedoch nur die Hälfe überlebt und in nur fünf Fällen bekamen die Tiere eigenen Nachwuchs. Verhaltensstörungen inklusive. Wahrlich eine erschreckende Bilanz.

Optimale, artgerechte Haltung in Gefangenschaft kann es für dieses Wildtier, dessen Jagdrevier sich über einen Radius von 150 Kilometern erstreckt und das als Langstreckenschwimmer 65 km überwindet, nicht geben. Man kann ihm jedoch das Leben nach den neuesten Erkenntnissen der Tiergarten-Biologie gestalten – mit allem, was dazu gehört. An welchem Ort auch immer. Das kostet natürlich Geld. Viel Geld. Aber dieses Geld hat Knut ja bereits verdient!

Ein besseres Leben, das hätten sich auch die beiden Berliner Braunbärinnen längst verdient, die – von Öffentlichkeit und Medien nahezu unbeachtet – seit über 20 Jahren im Bärenzwinger im Köllnischen Park dahinvegetieren. Lebendige Berliner Bären als „erhaltenswertes Kulturgut“? Es ist eine Schande!

© Karin Hutter, 25.05.2009

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