Angeblich lebt ganz Deutschland in Angst vor grunzenden Terroristen in schwarzen Kitteln. Von Plage ist die Rede und von Gefahr. Und auch die Forderung nach der Todesstrafe wird wieder laut. Sogar Exekutionen in Wohngebieten sollen kein Tabu mehr sein. Die Schlagzeilen der letzten Wochen zeigen das überdeutlich. Hier nur eine kleine Auswahl:

Über 1000 Wildschweine zum Abschuss frei

Wildschweine tyrannisieren Deutschland !

Wildschweine machen Wohngebiete unsicher

Die Wildschweine kommen

Wildschweinplage in Deutschland

Landrat fordert Wildschwein-Jagd

Schwarzkitteln geht es an den Kragen

Polizei auf Wildschweinjagd

Lange blieben sie unauffällig. Sie hausten versteckt im Dunkel der Reviere und ernährten sich von dem, was die Natur zu bieten hat. Pflanzliches wie Eicheln, Pilze, Kastanien, Bucheckern. Tierisches wie Insekten, Regenwürmer, Engerlinge, Mäuse und da und dort ein wenig Aas. Die Nachlese auf Kartoffel- oder Maisäckern war willkommene Abwechslung im Speiseplan. Immer öfter gab es allerdings ganze Wagenladungen mit Waffelbruch aus der Keksfabrik oder altbackenes Brot oder Mais satt. Das schickten wohlmeinende Spender. Nicht ganz uneigennützig und eindeutig illegal. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. So ist das nun mal in unserem Land.

Obwohl durchaus vermehrungsfreudig, hielt sich die Zahl der wilden Schweine in Grenzen. Nach altem Sittenkodex war Sex nämlich nur mit erfahrenen Matriarchinnen erlaubt. Nur sie durften Babys in die Welt setzen. Das junge Gemüse musste sich erst noch bewähren und war mit dem Kinderkriegen noch nicht an der Reihe. Eine weise Regelung. Zudem waren die Winter lang und hart und forderten manches Opfer. Vorbei, vorbei!

 Seit das ganze Jahr über zur Jagd geblasen wird, ist die alte Ordnung dahin. Es sind meist die Besten, die ins Gras beißen müssen. Die Rotten wurden auseinander gerissen, viele haben den Wald verlassen und sind auf der Flucht. Zunächst orientierungslos. Weil sie jedoch ungeheuer schlau sind, finden sie sich schnell zurecht in der Anonymität der Wohngebiete. Von wegen „Unwirtlichkeit der Städte“! Nicht selten treffen sie auf Helfeshelfer, die ihnen Unterschlupf gewähren, ihre längsgestreiften Jungen herzen und sie mit dem Notwendigsten versorgen. Dass auch das illegal ist, muss nicht extra betont werden. Sobald sich die Schwarzkittel sicher fühlen, geben sie ihre Heimlichkeit auf und scheuen nicht länger das Sonnenlicht. Sie werden tagaktiv. Und zeigen jetzt ein dermaßen verwildertes Benehmen, das jeder Beschreibung spottet:

Sie besetzen Bahn- und Schulhöfe.

Rotten sich zusammen und lagern in Parks.

Schrecken vor gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr nicht zurück.

Stürzen sich todesmutig in Swimmingpools, nur um ein Bad zu nehmen.

Flanieren am hellichten Tag mitsamt ihrem Nachwuchs über Plätze und Einkaufsstraßen.

Grunzen aufdringlich, wenn man ihnen in den Weg verstellt.

Riechen streng, als würden sie jeden Tag literweise Maggi saufen.

Springen mit der Grazie der Schwergewichtigen geschickt über Stock und Stein und walzen Zäune nieder.

Ruinieren Golf- und andere Rasen.

Zerstören, was anderen heilig ist, Kleingärten, Fußballstadien, Friedhöfe.

Plündern frech Kartoffeläcker und Weinberge.

Erschrecken Omas und ihre Fiffis bei der abendlichen Gassi-Runde.

Werden sie aber selbst erschreckt, entfernen sie sich in einem Schweinsgalopp, der die Erde beben lässt, als wäre eine Büffelherde unterwegs. In die Enge getrieben, vor allem, wenn der Nachwuchs dabei ist, greifen sie auch an und kämpfen geschickt mit äußerst scharfen Waffen. Dann kann schon mal Blut fließen.

Angeblich haben sie bereits Verletzte und zumindest einen Toten auf dem Gewissen. „Hier hängt das Killer-Schwein“, so titelte die Zeitung mit den Balken-Überschriften, als der vermeintliche Übeltäter gefasst und exekutiert war. Doch den Keiler traf keine Schuld!

Wer nämlich – wie geschehen – den Feind anschießt und verletzt, um dann im Dunkeln nachzusehen, wie’s im geht, darf sich nicht wundern. Wildschweine erkennen Jäger! Das ist kein Jägerlatein! Mit ihrer hervorragend guten Nase riechen sie vermutlich auf eine Entfernung von Kilometern, Blut und Schweiß und Angst und Gier. Alles Gerüche, die wohl immer in eines Waidmanns Lodenjoppe hängen.

Dass Wildschweine zunehmend die Städte „heimsuchen“, wo sie nicht mit allen Mitteln bekämpft werden, wo das Nahrungsangebot vielseitig ist und wo es noch Zweibeiner gibt, die ihnen mit Respekt und Toleranz begegnet – wer will ihnen das verdenken? Und vielleicht lernen die wilden Schweine auch noch, was manche nie lernen: gutes Benehmen.

23.10.08

Foto: Tobias Marks – Fotolia

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