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Tschüss, Bruno! Es tut uns so Leid

Rede von Karin Hutter über den Abschuss des Braunbären Bruno

Als wir von animal public die ersten Nachrichten von einem in der bayerisch-österreichischen Grenzregion wandernden Braunbären erhielten, bekamen wir einen Riesenschreck. Wir ahnten was geschehen würde. Kurze Zeit und ein paar tote Schafe und Hühner später, lag der Schießbefehl auf dem Tisch. Ein erschütterndes Lehrbeispiel, wie schnell einer besonders geschützten Tierart der Schutzstatus abgesprochen werden kann.

Auch wir appellierte umgehend an den bayerischen Umweltminister. Ich zitiere aus unserer Presseerklärung:
„Geben Sie dem Bären Asyl, Herr Schnappauf!  Kaum setzt ein wildlebender Braunbär das erste Mal nach 170 Jahren seine Tatze auf bayerischen Boden, bricht Panik aus. Die politisch Verantwortlichen fürchten, dass ein Asyl suchender Bär das Leben ihrer Wähler in Gefahr bringen könnte und erteilen vorsorglich Schießbefehl. Im reichen Bayern steht offenbar auf Mundraub die Todesstrafe! Dabei gibt es in anderen „Bärenländern“ jahrzehntelange Erfahrungen im Zusammenleben mit Braunbären – selbst in unmittelbarer Nähe des Menschen. Auch deutsche Politiker dürfen dazu lernen und sich beraten lassen. Ein Bärenmanagement-Plan in Bayern ist längst überfällig. animal public protestiert auf’s Schärfste gegen den Schießbefehl des bayerischen Umweltministers. Die Zeiten, in denen die Bevölkerung Bären und Wölfe lieber tot oder hinter Gittern gesehen haben, dürften längst vorbei sein.“

Als wir das schrieben, hatten wir den Text des unsäglichen bayerischen „Schießbefehls“ noch nicht in der Hand. Ich erspare uns die Auflistung unzähliger infrage kommender Paragrafen aus den einschlägigen Regelwerken. Aber ein paar Sätze muss ich hier einfach zitieren, damit jeder sich ein Bild machen kann, wie der Plan war. Erbarmungslos und kaltschnäuzig! Da heisst es z.B. gleich am Anfang:

„Es ist allen geeigneten Jagdausübungsberechtigeten gestattet, dem von Österreich auf oberbayerisches Gebiet übergewechselten Braunbären nach zustellen, um ihn zu fangen und/oder zu töten.“  Wer als Bärentöter „geeignet“ sein soll, wird allerdings nicht näher erläutert. Unweiter unten:  „Der sofortige Vollzug der vorstehenden Ausnahmegenehmigung als Notstandsmaßnahme im öffentlichen Interesse (fett i.O.) wird angeordnet.“
In der Begründung des Schießbefehls heisst es – und das klingt wie Ironie – :  „Da es sich um ein zugewandertes Einzeltier handelt, dessen Population in Bayern nicht mehr verbreitet ist und der(!) aufgrund seines unnatürlichen Verhaltens eine Gefahr für die Bevölkerung darstellt, kann der Bestands- und Populationsschutz des…. BNatSchG nicht zu Anwendung kommen. “

Zudem könne „im Interesse der Volksgesundheit und der öffentlichen Sicherheit … von den Schutzbestimmenungen der FFH-RL abgewichen werden“. Denn es handelt sich hier (Zitat) „um eine Notstandsmaßnahme im öffentlichen Interesse zur Abwendung von drohenden Nachteilen für Leben, Gesundheit und Eigentum …“
Notstandsmaßnahme, Volksgesundheit, öffentlichen Sicherheit, Gefahr für Leben, Gesundheit, Eigentum – mit diesen Vokabeln aus dem Schießbefehl gewinnen bestimmte Politiker die Lufthoheit über oberbayerische Stammtische… Und die ist ihnen offensichtlich wichtiger als die öffentliche und ver-öffentlichte Meinung aus dem Rest der Republik. Wer nicht mitbekommen hat, dass es sich hier um einen halbstarken italienischen Braunbären handelt, musste den Eindruck gewinnen, der Freistaat wurde über Nacht von schwerbewaffneten Terroristen heimgesucht.

 
animal public hat umgehend Widerspruch gegen den unsäglichen Schießbefehl eingelegt.
Wir forderten in unserer Begründung, ihn sofort aufzuheben und bei Wiederkehr des Bären weniger einschneidende Maßnahmen zu treffen. Möglich wäre die Vergrämung des Tieres aus der Nähe menschlicher Siedlungen und/oder den Fang des Bären und die Verbringung in einen weniger dicht besiedelten geeigneten Lebensraum.
Dass ein in Freiheit geborener Braunbär sein Leben in zoo-ähnlicher Gefangenschaft verbringen soll, wie von manchen Tier- und Artenschützern gefordert, lehnte animal public strikt ab.
Umsonst, alles umsonst! Zwar hat man diesen Schießbefehl aufgehoben – nur, um ihn kurze Zeit später wieder in Kraft zu setzen. Und es standen wohl längst die geforderten „geeignete“ Jäger Gewehr bei Fuß. Plötzlich war nämlich Bär Bruno schnell gefunden – und erschossen. Der tote Bär wurde am 26.06.2006 im Institut für Tierpathologie seziert.

Aus dem Protokoll:
„Ernährungszustand: gut; Widerristhöhe: ca. 91 cm; Scheitel-Steiß-Länge: 130 cm; Kopflänge 32 cm; Gewicht 110 kg;  Fell: bis auf die Einschusslöcher ohne pathologischen Befund.“

Tschüss, Bruno! Es tut uns so Leid.

Karin Hutter beschäftigt sich als Sachbuchautorin seit Jahren mit Themen des Tier- und Artenschutzes. Bekannt wurde sie durch ihr jagdkritisches Buch „Ein Reh hat Augen wie ein 16-jähriges Mädchen“. Zur Zeit lebt und arbeitet die Autorin und Mitbegründerin von animal public in Berlin.

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