Unterstützen Sie uns!



Tatort Zirkus

Wenn der Zirkus kommt, droht der örtlichen Feuerwehr Arbeit. Es hat den Anschein, als würden vor allem die kleineren Zirkusse Tierausbrüche, Unfälle und Brände während ihrer Gastspiele inszenieren und zu Werbezwecken und Spendenaktionen missbrauchen.

„Irgendwie kam mir der Brand komisch vor“, erinnert sich Fritz Stemplinger, Kreisbrandinspektor und damals Kommandant der Feuerwehr Wegscheid im Bayrischen Wald. Damals, das war der 22.September 2001. Gegen 16 Uhr meldete ein Passant einen brennenden Zirkuswagen auf dem Festplatz. Ganz in der Nähe befindet sich das Gerätehaus der Feuerwehr. Zufälle gibt´s. Angeblich soll der umgebaute Sattelauflieger älteren Baujahrs mehreren Artisten als Wohnquartier gedient haben. Stemplinger hat da so
seine Zweifel: „Das hat darin fürchterlich ausgesehen.“

Und noch eine Tatsache gibt dem Kreisbrandinspektor zu denken. Niemand vom „Zirkus  Barlay“ war beim Brandausbruch vor Ort. Die Artisten gaben eine Kurzvorstellung in einem Nachbarort. Kann es ein besseres Alibi geben?

Fast zweieinhalb Stunden benötigte die Feuerwehr, bis auch die letzten Brandnester in dem Sattelauflieger abgelöscht waren. Den Schaden bezifferten die Zirkusleute auf rund 10.000 Euro. Eine Versicherung gab es natürlich nicht. Zum Glück rief die örtliche Presse zu Sach- und Geldspenden für den arg gebeutelten Zirkus auf.

Auch Zirkusfan Ralf Holstein, der die Seite circusweb im Internet betreibt, hat angesichts solcher Brände seine Zweifel: „Die
Masche kennen wir ja. Ein zumeist mit Unrat voll gestopfter alter Zirkuswagen wird mit einem elektrischen oder gasbetriebenen Heizer
versehen und schon nimmt das Geschehen seinen Lauf. Wegen der Überhitzung gehen zuerst die eingeladenen Textilien und dann der ganze Wagen in Flammen auf, um anschließend auf die Mitleidsmasche zu setzen.“

Genau in dieses Muster passt auch das Feuer beim „Zirkus Liani“. Während der Winterpause in Asbach-Bäumenheim (Bayern) brannte am 4. Januar 2002 ein Zirkuswagen vollständig aus. Nach Auskunft des Direktors soll es sich dabei um „den besten Wohnwagen“ des kleinen Familienunternehmens gehandelt haben. „Nun jaaaaaa“, sagt Feuerwehrchef Jürgen Scheerer. „Es könnte tatsächlich der beste Wagen gewesen sein, aber richtig gut war keiner.“ Der Schaden betrug deshalb auch nur 5000 Euro.

Positiver Begleiteffekt des Brandes für die Zirkusfamilie: Die Gemeinde besorgte ihnen eine Sozialunterkunft. Und die restlichen Wagen sowie die Tiere durften nun doch bis zum Ende des Winters auf dem Volksfestplatz in Asbach-Bäumenheim bleiben. Ursprünglich war dies von der Gemeinde abgelehnt worden. Und bei der Beschaffung eines gebrauchten Wohnwagens halfen die örtlichen Dienststellen der Zirkusfamilie auch.

Oft brennen die Futtervorräte

Aber nicht nur Wohnwagen brennen bei den Zirkussen – 350 touren regelmäßig durch Deutschland – unerklärliche häufig. Immer wieder gehen auch Heu- und Strohvorräte in Flammen auf. Meistens durch Brandstiftung. Die Schäden sind jeweils gering, die öffentliche Anteilnahmen dafür um so größer. Den Lokalzeitungen sind diese „Katastrophen“ immer einen Story wert.

Beim Gastspiel des Augsburger „Zirkus Barelli“ in Mannheim beispielsweise vernichtete ein Feuer am 17. August 2001 die gesamten
Futtermittelvorräte. Volker Dressler, der Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums Mannheim, beziffert den Schaden auf höchstens 250 Euro. Der Mannheimer Morgen berichtet trotzdem ausführlich über den Brand. Und über die heldenhaften Löschversuche der Zirkusmitarbeiter: „Der junge Franz Spindler-Barelli schwingt sich auf den Gabelstapler, um die brennenden Ballen von den Stallungen wegzuschieben. Als er vom Fahrersitz springt, weil ihm die Flammen bedrohlich nahe kommen, verstaucht er sich den Knöchel. „Zu Glück gibt es ja noch Timmy Spindler-Barelli. Der Comedy-Star des Zirkus stürzt sich nach dem Zeitungsbericht in die verqualmten Pferdeboxen, befreit die Tiere und bricht dann ohnmächtig zusammen. Rauchvergiftung.

Mit Verletzungen seiner Artisten scheint der „Zirkus Barelli“ überhaupt ein wenig Pech zu haben. Beim Gastspiel in Bremen im Oktober 2000 soll angeblich ein Tiger bei einer Probe eine Dompteuse angegriffen haben. Nicht die erste Pressemeldung dieser Art von Barelli.

Die neueste Masche: Elefant ausgebrochen

Neuerdings hat sich der Zirkus anscheinend eine neue und noch medienträchtigere Masche einfallen lassen. Innerhalb weniger Monate brachen wiederholt Elefanten aus dem Gehege. Zuletzt in Nürnberg (siehe Feuerwehrmagazin 2/02) und in Berlin.

Äußerst verdächtig: Anhand der Bilder lässt sich erkennen, dass zumindest in Nürnberg und in Berlin (5. Oktober 2001) derselbe Elefant ausgebrochen ist. In Nürnberg nannten die Zirkusmitarbeiter den Dickhäuter „Lubne“. In Berlin hieß der Flüchtling dann „Tonga“. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe übrigens nie bestanden, berichtete Zirkusdirektor Harry Barelli: „Das ist unser zahmster Elefant, absolut friedlich.“ In Nürnberg soll Harry Barelli übrigens persönlich die Presse von dem Ausbruch informiert haben.

Nach Nachfrage räumt die Zirkusfamilie ein, dass in beiden Fällen tatsächlich die gleiche Elefantendame ausgebüxt ist. Das Tier habe
mehrere Namen. Den Vorwurf der vorsätzlichen Medieninszenierung weisen die Barrelis weit von sich: „Niemals. So ein Elefant kostet 50.000 Euro.“ Zukünftig wolle man besser aufpassen.

Sowohl Nürnberg als auch in Berlin beteiligten sich Löschzüge der Feuerwehren an der Suche und dem Einfangen des entflohenen Dickhäuters. Schaden entstand nicht. Unverletzt konnte „Lubne“ alias „Tonga“ in der jeweils folgenden Vorstellung bereits wieder auftreten.

Elefanten scheinen aber auch wirklich einen großen Freiheitsdrang zu haben. Im Oktober 2000 schlenderte ein Dickhäuter des „Zirkus Busch“ ganz alleine durch Karlsruhe (BW). Er hatte sich unbemerkt aus seinem Gehege entfernt.

Im April 2001 brach ein Elefant des in Braunlage (NI) gastierenden „Zirkus Luna“ aus. Auf einem nahen Friedhof fraß er den
Blumenschmuck von den Gräber. Im gleichen Monat verschwand in Schaffhausen (Schweiz) auch ein Elefant aus dem „Zirkus Knie“. Bei seiner Flucht beschädigte das Tier eine Ampelanlage.

Als „schlaues Kerlchen“ bezeichnete die Presse „Benjamin Blümchen“ vom „Zirkus Don Carlos“ . Während eines Gastspiels in Karlsruhe im August 2001 brach das Tier gleich zweimal aus. Angeblich hatte der Elefant den Elektrozaun seiner Weide jeweils mit Futterbündeln herunter gedrückt. Anton Gramlich, der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe, mag die Geschichte nicht so recht glauben: „Die Ausbrüche kamen uns schon verdächtig vor, aber beweisen konnten wir nichts.“ Ähnlich erging es seinen Kollegen in Nürnberg, Wegscheid, Mannheim, Braunlage, Worms, Berlin, Wiesbaden…

Die Fälle häufen sich:

Oktober 1999:
In Jüterbog (BB) entwischt einem Zirkus ein Mantelpavian. Erst Tage später kann das bissige Tier wieder eingefangen werden.

Oktober 2000:
In Fellbach (BW) brennt der Wohnwagen der Kinder des „Zirkus Mercury“ ab.

November 2000:
Polizisten entdecken in Worms (RP) ein dem „Zirkus Barum“ entwischtes Kamel.

Dezember 2000:
Aus dem „Zirkus Sarrasani“ bricht in Wiesbaden ein Tiger aus. Polizei, Feuerwehr und THW fangen das Tier wieder ein.

April 2001: Auf dem Weg in die Manege des „Zirkus Probst“ reißt Braunbärin „Bruni“ aus und streunt durch die Innenstadt von Chemnitz (SN).

August 2001:
Ein Feuer vernichtet in Mannheim (BW) die Futtermittelvorräte des „Zirkus Barelli“.

September 2001:
Ein Wagen des „Zirkus Barlay“ brennt in Wegscheid (BY) aus.

Oktober 2001:
Beim „Zirkus Don Carlos“ stürzt angeblich ein Artist während der Proben in Mönchengladbach (NW) vom Trapez. Der Verletzte reist sofort nach Spanien ab, um dort seine Rippenbrüche auszukurieren.

November 2001:
Einem bettelnden Zirkusmitarbeiter läuft in Hamburg ein Lama weg. Die Polizei blitzt das Tier, als es mit 17 km/h über eine rote Ampel läuft.

Januar 2002:
Durch einen überhitzten Ölofen gerät ein Wohnwagen des „Zirkus Liani“ auf dem Festplatz in Asbach- Bäumenheim (BY) in Brand.

Mai 2001:
Beim Gastspiel des „Zirkus Barelli“ in Nürnberg (BY) bricht ein Elefant aus.

Die beliebtesten Tricks:

1. Ein Tier bricht während des Gastspiel aus dem Zirkus aus. Besonders häufig handelt es sich dabei um Elefanten. Aber auch Bären, Kamele, Pferde und Lamas mussten schon von Polizei und Feuerwehr eingefangen werden. Auffällig: Der Ausbruch findet fast immer tagsüber statt. Und grundsätzlich sind die Ausbrecher sonst „die liebsten und harmlosesten Tiere“ des Zirkus.

2. Kleinbrände auf den Festplätzen. Mal brennt das Stroh im Futterlager, mal ein Wohnwagen der Artisten. Häufigste Brandursache: Brandstiftung. Meist können die Zirkusmitarbeiter die Flammen selbst löschen. Dabei…

3. …ziehen sich die Mitarbeiter oft leichtere Verletzungen zu. Gerne wird die örtliche Presse auch über Unfälle während der Proben
informiert.

 

 

 

Quelle: Jan-Erik Hegemann / Feuerwehr-Magazin / Ausgabe 4/2002

chrissgrey – Fotolia

Diese Seite teilen.Share on Facebook