Illegaler Tierhandel in Hamm

12.06.2010 – Seit Jahren kritisiert animal public den Handel mit exotischen Wildtieren bei der „Terraristika“ in Hamm. Die Umstände unter denen die empfindichen Wildtiere verkauft werden entsprechen fast durchgehend noch nicht einmal den Mindestvorgaben der Tierbörsenleitlinien. Trotzdem greifen die zuständigen Veterinäre nicht ein. Bereits 2009 hat animal public daher Fachaufsichtsbeschwerde erstattet.

Wie jetzt ein Journalist enthüllt, gibt es auch im Bereich des Artenschutzvollzugs massive Probleme. Die „Terraristika“ ist unter den Augen der zuständigen Vollzugsbehörden zu einem der größten Umschlagplätze für den illegalen Tierhandel geworden.

Illegalem Tierhandel in Hamm auf der Spur

von David Schraven

Hamm. Laut Ermittlern ist die Messe „Terraristika“ in Hamm einer der größten Umschlagplätze der Welt für illegal gefangene Tiere. Erstmals bieten zwei Strafverfahren Einblicke in ein illegales Netzwerk.

Europas größte Börse für lebende Reptilien in Hamm hat den Charme einer Heimwerker-Messe. Auf der Terraristika in den Zentralhallen werden am Samstag Schildkröten in einer Art Tupper-Dosen gehandelt, dazu seltene Giftschlangen, Salamander und Eidechsen in Plastikschüsselchen. Allesamt freigegeben zur Haltung im heimischen Glascontainer. Doch hinter dieser friedlichen Hobby-Kulisse verbirgt sich nach Recherchen der WAZ einer der größten Umschlagplätze der Welt für illegal gefangene Tiere. Erstmals bieten gleich zwei Strafverfahren gegen Reptilienhändler Einblicke in die bundesweiten Strukturen eines illegalen Netzwerkes rund um die Messe. Die Akten liegen dem Westen vor.

Schildkröte per Internet angeboten

Alles begann scheinbar harmlos im Jahr 2007. Das Regierungspräsidium in Leipzig leitete damals ein Ermittlungsverfahren gegen den Tierhändler Erik N. aus Hamm ein. Dieser hatte über das Internet eine Schildkröte verkauft. Das Tier, eine seltene und streng geschützte Art, kam beim Empfänger verstümmelt an. Vor allem aber die Verkaufspapiere des Tieres machten die Behörde stutzig. Erik N. hatte die Dokumente anscheinend selbst ausgefüllt. Zudem legte er eine Kaufbescheinigung für die geschützte Kröte aus dem polnischen Slubice vor, die offenbar ebenfalls von einem Händler selbst erstellt worden war. Das besondere: Die Vordrucke aus Hamm und aus Polen waren identisch. Bei dem anschließend eingeleiteten Strafverfahren stießen die Ermittler schnell auf eine Gruppe, die seltene Schildkröten aus Sumpfgebieten in Ostdeutschland genauso handelt wie Raritäten aus Madagaskar.

Erik N. selbst ist in dem Strafverfahren eher eine Randfigur. Er lebt auf einem Gehöft in Hamm. In insgesamt 20 Fällen hat er seine Pleite erklärt. Nach Erkenntnissen der Strafbehörden soll er seinen Unterhalt zu einem Großteil über schwarze Geschäfte mit illegalen Tieren bestreiten. Besonders seltene Arten erzielen Stückpreise von mehreren tausend Euro.

Von Erik N. führte die Spur weiter zu seinem Geschäftspartner Stefan R.. Dieser ebenfalls aus Hamm stammende Artenhändler hat gleich tausende geschützte Tiere verkauft, er gilt den Ermittlern als ein Kopf der Bande. Aus Ermittlungen der Steuerfahndung geht hervor, dass Stefan R. einen regelmäßigen Umsatz neben seinem Job als Versicherungsagent von weit über 50 000 Euro im Jahr eingefahren haben soll. Dabei gibt es eine hohe Dunkelziffer, da nur ein Bruchteil der tatsächlichen Verkäufe nachvollzogen werden konnte.

Wie die Ermittler weiter herausfanden, soll sich Stefan R. auf ein Netzwerk an Helfern in ganz Deutschland gestützt haben. Diese Männer hätten für Stefan R. die geschützten Arten in Sümpfen und Bergen gesucht und sie gegen Bares abgeliefert.

Besonders im Vorfeld der Terraristika hätten die Leitungen im Netzwerk zu glühen begonnen, heißt es. So habe Stefan R. beispielsweise seine Helfer gedrängt, möglichst zügig Sumpfschildkröten aus den Brandenburger Seen zu besorgen, sagen Ermittler. Stefan R. hatte regelmäßig einen Verkaufsstand auf der Messe.

Spuren der Dokumente führen ins Rathaus

Um die nötigen Papiere habe sich Stefan R. keine Sorgen machen müssen, heißt es weiter. Die Spuren der Dokumente führen nach Angaben der Ermittler direkt ins Rathaus Hamm. Immer wieder seien im Verfahren Handelsgenehmigungen für die illegal gefangenen Tiere aufgetaucht, die die Unterschrift eines Mitarbeiters im dortigen Umweltamt tragen.

Ermittler sprechen davon, dass Hunderte dieser Blankoschreiben in der Szene kursieren würden. Der Trick ist dabei einfach: Wenn jemand ein illegal gefangenes Tier handeln will, muss er nur die Daten des Reptils in die Blanko-Bescheinigung eintragen und kann es danach nahezu frei verkaufen, sagen die Ermittler. Der Nachweis, dass es sich um geschützte Schildkröten aus der Natur handele, sei dann nur noch schwer zu führen. Die Behörden in Hamm sagen, ihnen seien die zweifelhaften Bescheinigungen nicht bekannt.

Stefan R. widerspricht auf Anfrage allen Vorwürfen. Er habe noch nie illegal gefangene Tiere gehandelt, alle Arten stammten aus seiner eigenen Zucht, zudem fertige er auch selbst die Papiere für seine Tiere aus und lasse diese vom Umweltamt Hamm bestätigen. Zuletzt gebe es auch kein Netzwerk, mit dem er kooperiert.

Wie dem auch sei: die Ermittler rechnen mit einer Anklage gegen Stefan R. in den kommenden Monaten. Gegen Erik N. soll noch in diesem Monat der Prozess beginnen.

Im Kern dreht sich laut Ermittler alles um die Messe in Hamm. Männer wie Stefan R würden sich mit ihren Käufern über das Internet verabreden.

Razzia der Zollfahnder

„Als Übergabeort der Tiere und des Geldes werden regelmäßig Orte in und um die Messe vereinbart“, sagt ein Beamter. „Hamm ist das größte Einfallstor in Europa für illegalen Tierhandel.“ Selbst die Stadt Hamm bestätigt, dass in Einzelfällen illegale Tiere auf der Messe beschlagnahmt worden seien. Trotzdem kann die Messe fortgeführt werden. Ein Sprecher der Stadt Hamm sagte, die Kontrolle der Messe sei ständig gewährleistet.

Doch offenbar stimmt das nicht so ganz. Aus einem internen Vermerk geht hervor, dass Maßnahmen gegen den illegalen Handel auf der Messe schon von den Behörden blockiert wurden. So verabredeten sich im Frühjahr 2008 Zollfahnder mit dem Bundesamt für Naturschutz zu einer Razzia in Hamm. Allerdings wurde der Einsatz überraschend gestoppt.

Die Umweltschützer aus dem Hammer Rathaus hätten alles im Griff, hieß es von oben.

Quelle: http://www.derwesten.de/nachrichten/Illegalem-Tierhandel-in-Hamm-auf-der-Spur-id3067285.html

 

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