Im Jahr der toten Zirkus-Elefanten

„Auch Elefanten müssen mal sterben.“ Das war die Antwort eines Zirkusbetreibers auf meine Frage nach dem Verbleib einer seiner Dickhäuter. Ja sicher, Herr Zirkus-Direktor, auch Elefanten müssen sterben, aber nicht so früh und nicht nach einem unwürdigen, qualvollen Leben als Kettenhäftling und Zirkus-Clown!

Mausi
Das großen Elefanten-Sterben dieses Jahres begann am 17. Januar 2012 mit „Mausi“, der Afrikanischen Elefantenkuh des „Circus Voyage“. Mausi war schon lange krank, hatte massive Verhaltensstörungen und durfte wegen ihrer schweren Arthrose schon seit 2008 nicht mehr in der Manege auftreten. Trotzdem wurde sie von einem Gastspielort zum anderen mitgeschleppt. Und obwohl sich Tierschützer seit Jahren dafür eingesetzt hatten, sie aus dem reisenden Zirkusunternehmen in eine zoologische Einrichtung zu überführen, scheiterte das immer wieder am Unwillen des Zirkusbetreibers. Nicht zuletzt aber auch an der Untätigkeit und Ignoranz der Amtsveterinäre. Auch das muss hier einmal deutlich gesagt werden!

Erst Mitte Januar 2012 entschloss sich der „Circus Voyage“ die Elefantin doch noch an einen belgischen Zoo zu verkaufen – möglicherweise sah er ihr Ende kommen. Bei der Ankunft am 17.01.2012 in Belgien lag die Elefantenkuh im Transportwagen fest und konnte nicht mehr aufstehen, obwohl der behandelnde deutsche Tierarzt zuvor die Transportfähigkeit bescheinigt hatte. Trotz der Bemühungen seiner belgischen Kollegen gelang es nicht, die Elefantin wieder aufzurichten. Mausi starb im Alter von  circa 30 Jahren. Bei guter Gesundheit hätte sie doppelt so alt werden können.

Maya
Der zweite Todesfall keine vier Wochen später: die Asiatische Elefantin „Maya“ des Zirkus „Universal Renz“. Sie wurde am 12.02.2012 mit ca. 40 Jahren eingeschläfert.

Schon bei einem Gastspiel in Recklinghausen im Oktober 2011 brach sie zusammen und konnte nur mit Hilfe eines Gabelstaplers wieder auf die Beine gestellt werden. Dennoch wurde das gesundheitlich stark angeschlagene Tier noch bis Ende Dezember von Gastspielort zu Gastspielort gekarrt. Erst nach einem Auftrittsverbot in Duisburg im Dezember 2011 wurde Maya ins Winterquartier des Zirkus „Universal Renz“ im hessischen Friedberg gebracht. Da waren schon die massiven gesundheitliche Schäden offensichtlich. Erst spät, ein paar Wochen vor ihrem Tod, wurde sie behandelt. Sie litt an einer Nagelbettentzündung am linken Vorderfuß, einer Wunde am Kopf und Hautveränderungen am Rüssel. Die Behandlung schlug jedoch nicht an. Das Tier gab sich auf, verweigerte letztlich die Nahrungsaufnahme und kollabierte.

Empörend: Obwohl die Elefantin bereits in einem miserablen Zustand war, verlautbarte das zuständige Veterinäramt offiziell per Presse-Mitteilung am am 07. Februar 2012: „Elefantenkuh Maya geht es gut – keine Beanstandungen“! Und dann ein paar Tage später am 16. Februar: „Traurige Nachricht aus dem Veterinäramt: Maya ist tot.“

Colonel Joe
Der Asiatische Elefant „Colonel Joe, der „größte Elefanten-Bulle der Welt“, wie ihn der „Circus Krone“ anzupreisen pflegte, starb am 02. Mai 2012 mit ca. 48 Jahre.

Dass er bereits 60 Jahre alt und ein Elefanten-Greis gewesen sein soll, also altersbedingt gestorben ist, ist mit großer Sicherheit eine Schutzbehauptung. Wozu hat Krone Colonel Joe’s 40. Geburtstag in der Vorstellung am 28.04.2004 in Köln groß gefeiert? Offenbar rechnet der Zirkus mit dem schlechten Gedächtnis der Zirkusfreunde.

Nach verschiedenen Quellen wurde der Bulle etwa 1964 in Indien geboren und im selben Jahr noch als Baby in einen US-Zoo importiert. Ein Jahr später kam der Jungbulle dann in den Zoo Los Angeles, der ihn 1973 an einen Zirkus verkaufte. Im Dezember 1977 wird von einem Ausbruch Colonel Joe’s in Florida berichtet, bei dem der damals drei Tonnen schwere Bulle tagelang nicht wieder eingefangen werden konnte. Colonel Joe ist mit Sicherheit in Freiheit und nicht im Zoo von Los Angeles geboren, wie von Krone behauptet wird. Am 01.10.2002 traf der stattliche Bulle bei Krone ein und wurde bald zum Star der Elefantengruppe gemacht. Aber das jahrzehntelange Zirkus-Leben mit widernatürlichen Dressuren, viel zu wenig Auslauf, Ankettung, Langeweile und Stress hatte ihm eindeutig zugesetzt und seine Gesundheit ruiniert. Er war schließlich schwer verhaltensgestört, litt an Abszessen und an einem völlig lädierten Bein.

Im April 2012 schickte ihn Krone zur „orthopädischen Behandlung“ auf den Elefantenhof im brandenburgischen Platschow. Dem Zirkus zufolge soll er gar nicht krank gewesen sein, sondern lediglich unter „einigen Alterswehwehchen“ gelitten und ein für Elefanten außergewöhnlich hohes Alter erreicht haben. Auf der Homepage des Zirkus widmet man Colonel Joe einen etwas holperig gereimten, reichlich peinlichen Nachruf, der mit diesen Zeilen beginnt:

„In stiller Trauer stehen wir jetzt hier.
Unsere Gedanken sind für heute und immer bei Dir.

Und mit diesen endet:

Auf wiedersehn lieber Freund an einem Himmelstag.
Du reißt ein Loch, das keiner zu schließen mag.“

Doch Colonel Joe lebt weiter, wenn auch nur auf dem Papier! Demnach kommt Krone am 20.10.2012 „mit dem größten Elefantenbullen der Welt“ auf den Volksfestplatz Bayreuth …

Sandrine
Und wieder ein Todesfall im „Circus Krone“: Die Afrikanische Elefantin „Sandrine“ starb am 18.06.2012 mit etwa 28 Jahren während der Jubiläums-Tournee „100 Jahre Circus Krone“ in Freiburg. Nach Zirkus-Angaben kam sie 1984 als Waisenkind – also als Wildfang – aus dem südlichen Afrika nach München.

Offenbar wollte „der größte Circus Europas“ diesen zweiten Elefantentod innerhalb von ein paar Wochen so gut und so lange wie möglich geheim halten. Er wurde erst am 12.07.2012 bekannt und durch Medien-Beiträge an die Öffentlichkeit gebracht. Angeblich lag Sandrine schon tot in ihrem Gehege, als durch lautes Trompeten ihrer Artgenossen die Zirkusleute alarmiert wurden. Über die Umstände und die Ursache des Todes schweigt man sich aus. Die Elefantin sei zur Klärung der Todesursache eigens zu Spezialisten der Münchener Tierpathologie gebracht worden, teilte „Circus Krone“ mit. Es ist bekannt, dass Sandrine schon länger nicht mehr in der Manege aufgetreten ist. Wie die meisten Zirkuselefanten war die noch relativ junge Elefantenkuh schon seit Jahren in einem schlechten Gesundheits- und Pflegezustand. Was schon an den deformierten Hinterbeinen und den abgefrorenen Ohrrändern für jeden sichtbar war. Möglicherweise wurde sie auch immer schwerer handhabbar, was sich nach dem Tod von Colonel Joe, vor dem sie großen Respekt hatte, noch verstärkt haben dürfte. Das alles zusammen erklärt aber noch nicht ihren plötzlichen Tod. Hier blieb der „Circus Krone“ bislang der Öffentlichkeit eine Erklärung schuldig.

Rambo
Die Todesnachrichten reißen nicht ab: Auch der Afrikanische Elefantenbulle „Rambo“ aus dem „Circus Atlas“ ist tot. Erst am 22. August wurde bekannt, dass er bereits Anfang Juli eingeschläfert wurde. Der kleinwüchsige Bulle mit den deformierten Beinen, der in Einzelhaltung und hauptsächlich im Transportwagen leben musste, wurde nur 29 Jahre alt. Unglaublich, aber durchaus vorstellbar: Der Zirkusbetreiber soll noch versucht haben, die wertvollen Elfenbein-Stoßzähne des toten Bullen zu verhökern – illegal natürlich.

Nicht auszudenken, dass sich immer noch etwa 69 Elefanten aus Asien und Afrika in Händen deutscher Zirkusbetreiber befinden. Die Ketten rasseln noch …

Und nein, Herr Zirkus-Direktor, Ihre Behauptung, Elefanten in Menschenhand seien keine wilden Tiere mehr, ist längst widerlegt. Sie haben aus diesen Dickhäutern keine gezähmten, gutmütigen, selbstzufriedenen Haustiere gemacht. Es sind und bleiben Wildtiere, wie lange Sie sie auch einsperren, anketten, dressieren, mit Elefantenhaken und Elektroschocks traktieren mögen!

Ich bin mit unzähligen Tierfreunden, Tierschützern, Tierrechtlern, Natur- und Artenschützern einig: Wildtiere haben in Zirkussen nichts verloren und nichts zu suchen!

 

© Karin Hutter

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Karins Blog

Schön sachlich sein Das wird von Tierschützern erwartet. Aber manchmal muss Frau auch sagen dürfen was sie denkt. Daher gibt es jetzt auf der animal public Homepage Karins Kolumne. Karin Hutter beschäftigt sich als Sachbuchautorin seit Jahren mit dem Themen des Tier- und Artenschutzes. Bekannt wurde sie durch ihr jagdkritisches Buch "Ein Reh hat Augen wie ein 16-jähriges Mädchen". Zur Zeit lebt und arbeitet die Autorin und Mitbegründerin von animal public in Berlin.