Pelz: Plädoyer für ein „Cruelty Label“

Da sind sie wieder! Sobald es das Thermometer zulässt, bevölkern sie unsere Straßen. Das sind die Ersten: Die mit den lächerlichen Pelz-Bommel-Mützen, die mit dem monströsen Pelz an den Parka-Kapuzen oder dem wuchtigen Pelzbesatz an Stiefeln. Sie kommen etwas später am Tag: die Damen und auch Herren, die schon ein wenig mehr ausgeben für ihre flotte Pelzjacke, Pelzstolen, Pelzmützen. Und ganz spät, ja, meistens erst in der Dunkelheit, die Damen und Herren die den Taxen und Limousinen zum Opern– oder Premieren-Besuch entsteigen. Nicht selten tragen sie diskret ihren Pelz fast unsichtbar als Innenfutter. Man hat es ja nicht nötig zu protzen. Aber alle machen sich keine Gedanken, sind gedankenlos, was die Herkunft und das ehemalige Tierleben betrifft, mit dem sie sich schmücken. Leben? Gab es da ein Leben? Wo und wie hat es gelebt und wie ist es ums Leben gekommen? Fragen, die man leicht beantworten könnte, sollten die Betreffenden ein offenes Ohr dafür haben.

Fangen wir mal an mit einem Zahlen-Beispiel des Deutsches Pelzinstitut, dem Lobby-Verband der deutschen Pelzwirtschaft:
Im Jahr 2013-2014 wurden weltweit 87,2 Millionen Felle mit einem Gesamtwert von € 3,7 Milliarden* erzeugt. Die teuersten Felle kamen aus den Auktionshäusern in Dänemark, Finnland, den USA, Kanada und Russland.
Schon die Zahlen machen schwindelig. Und erzeugt? Pelztier-Zucht ist durchaus vergleichbar mit landwirtschaftlicher Nutztierhaltung – Tiere werden unter quälerischen Bedingungen gezüchtet um zu sterben. Nur Tote werfen Gewinn ab – die einen als Fleisch, die anderen als Pelz.

Pelze von Nerz, Fuchs, Nutria, Waschbär, Iltis, Chinchilla, Zobel werden weltweit produziert, kommen aus China (besonders billig), Russland, USA, Kanada und, und, und …Ja, auch in Deutschland gibt es noch einige dieser „Farmen“, in denen  Nerze gezüchtet werde.

Zwei sollen noch 2017 schließen. Die restlichen müssen aufgrund des stetigen Protests und der verschärften Tierschutzauflagen hoffentlich bald aufgeben. Pelztier-Zucht lohnt sich in unseren Breiten nicht mehr so recht, trotz des erneut aufflammenden Pelzbooms.

Davon wollen  jetzt auch viele der 380.000 deutschen Hobby-Jäger profitieren, die hierzulande jährlich etwa eine halbe Million Füchse töten. Lange haben sie die erschossenen oder in Schlagfallen gefangene Tiere als Abfall entsorgt, weil sich niemand für den Fuchspelz interessierte. Jetzt ist es ihr Ziel, die „reifen Fuchsbälge“ zu vermarkten. Hobby-Jäger möchten Pelz-Lieferanten werden – z.B. für die Berliner Marke „Friendly Fur“ oder die neueste Jäger-Gründung namens „Fellwechsel“.

In Nordamerika, Kanada und Russland sitzen die wirklich großen der Branche, wenn es um wildlebende Pelz-Tiere geht, denen sie das Fell über die Ohren ziehen und teuer in alle Welt verkaufen.

Bisam, Waschbär, Coyote, Opossum, Nutria, Rotfuchs, Wildkaninchen, Hamster, Wiesel, Biber, Luchs und noch einige mehr, werden gefangen, erschlagen, erwürgt, vergiftet, erschossen. – In der Lesart für die Pelz-Kunden klingt das harmlos, friedlich und plausibel: die Tiere werden „der Natur entnommen“, weil sie angeblich als Schädlinge bekämpft werden müssen, weil sie Krankheiten verbreiten können oder weil sie einfach so schrecklich viele sind, dass man sie „unter Kontrolle bringen“ muss.

Das Reizwort Tellereisen (engl. Leghold Trap, Beinhaltefalle) wird tunlichst vermieden. Das haben Tierschützer längst in Misskredit gebracht. Obwohl es in der EU geächtet ist, ist es immer noch das Mittel – besser Folter-Werkzeug, der Wahl. In den USA und in Kanada kommen inzwischen nach angeblich ausgiebiger Erforschung „modifizierte“ Leghold Traps und auch andere Modelle zum Einsatz, die als „humane“ Fallen bezeichnet werden. Dabei handelt es sich i.d.R. lediglich um das altbekannte Tellereisen mit ein wenig Polsterung an den zuschlagenden Bügeln. Dies ist nichts anderes als eine  Beruhigungspille für die Verbraucher und ändert gar nichts an Qual, Angst und Panik des gefangenen Tiers. Zudem entzieht sich ein Trapper jeglicher Kontrolle, der irgendwo in der Wildnis seinen Trail mit Fallen vermint. Er tut, was er schon immer tat – seit Generationen.

Nun gibt es bei uns Menschen, die sich sorglos in Pelz kleiden, aber auch jene, die schon ein wenig zweifeln, ob … und auch die, die Tierpelz ablehnen und lieber zum vermeintlich billigen Kunstpelz greifen, der sich dann im Test als echt herausstellt – Herkunft China. Für sie alle wäre ein im Pelz-Kleidungsstück fest verankertes „Cruelty Label“ (Grausamkeits-Etikett) sinnvoll und hilfreich. Ein notwendiger Hinweis bei der Kaufentscheidung, ein Fingerzeig auf das Leid und die Qual der Pelz-Tiere.

Vorstellbar wäre grafisch vereinfacht, aber gut erkennbar, drei verschiedene Zeichen: Käfig bedeutet Zuchttier – Tellereisen Wildtier – Zielscheibe oder Waffe/Jagd Wildtier
Damit wären Erklärungen in verschiedenen Sprachen unnötig.

Einen Vorstoß in diese Richtung hatte die grüne Europa-Abgeordnete Undine von Blottnitz († 2001) bereits 1988 unternommen *. Leider wurde ihr Antrag für die europaweite Einführung eines Cruelty Labels für Pelze im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Verbraucherschutz(!) zerpflückt und nahezu ins Gegenteil verkehrt …

Inzwischen sind fast 30 Jahre vergangen. Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen. Die Forderung nach einem Cruelty Label bleibt bestehen. Denkbar wäre ein neuerlicher Antrag auf EU-Ebene. Einen Versuch wäre es wert – schon aus Respekt und Mitgefühl mit den weltweit gequälten, ausgebeuteten Pelz-Tieren. Menschen können ohne Pelz leben – Tiere nicht!

© Karin Hutter

* Europäisches Parlament Document B2-222/88 vom 28.04.88: Entschließungsantrag von Frau Bloch von Blottnitz zu einem Cruelty-Label für Pelzmäntel

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Karins Blog

Schön sachlich sein Das wird von Tierschützern erwartet. Aber manchmal muss Frau auch sagen dürfen was sie denkt. Daher gibt es jetzt auf der animal public Homepage Karins Kolumne. Karin Hutter beschäftigt sich als Sachbuchautorin seit Jahren mit dem Themen des Tier- und Artenschutzes. Bekannt wurde sie durch ihr jagdkritisches Buch "Ein Reh hat Augen wie ein 16-jähriges Mädchen". Zur Zeit lebt und arbeitet die Autorin und Mitbegründerin von animal public in Berlin.