von Karin Hutter
Mein
Name ist Lupus. Jawohl, ich bin ein Wolf. Mit dem bösen Wolf aus dem
Märchen habe ich nichts zu tun. Wer das erzählt, der lügt. Kein Mensch
braucht vor mir Angst zu haben. Im Gegenteil - ich bin es, der sich vor
den Menschen fürchtet. Vor den meisten jedenfalls. Wenn es sich
einrichten lässt, gehe ich ihnen lieber aus dem Weg. Nicht jeder
Zweibeiner ist so gutmütig wie der, dem ich neulich begegnet bin. Der
hielt mich wohl für einen Hund und pfiff nach mir. Alles
was recht ist! Nur gut, dass er nicht genauer hingesehen hat, sonst
hätte er seinen Irrtum vielleicht bemerkt und Krach geschlagen. Das ist
das Letzte, was ich hier gebrauchen kann. Für die, die es für sich
behalten können: Wir Wölfe wirken hochbeiniger als Schäferhunde, die
uns entfernt ähnlich sehen. Wir haben aber kleinere, eher runde Ohren,
und unseren Blick aus gelben Augen würde kein Mensch als »treu«
bezeichnen. Unseren buschigen Schwanz tragen wir würdevoll wie eine
Schleppe. Ringelschwänze gibt\'s bei uns nicht. Wer Tierspuren lesen
kann, wird uns an unserem Pfotenabdruck erkennen, den wir im Schnee
oder im Sand hinterlassen. Er ist länger und schmaler als der eines
Hundes.
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von Karin Hutter
Der Asylant hieß Wolf und war auch einer. Während sich vor Jahren westliche Wissenschaftler die Köpfe heiß redeten, wo denn wohl der Bevölkerung eine Wiederansiedlung zugemutet werden könnte, hatte der sich längst aufgemacht.
Hatte aus dem Osten kommend die Grenze überquert, und war ohne wissenschaftlichen Segen und offizielle Erlaubnis in das Land eingewandert, das damals DDR hieß. Heimlich und unbemerkt, doch immer unter Lebensgefahr. Hin und wieder ist es einem Einzelgänger gelungen, bis nach Mecklenburg und Brandenburg vorzudringen. Doch Asyl wurde nicht gewährt. Wo er auftauchte wurde scharf geschossen. Von Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht keine Spur. Canis lupus war jagdbar wie eh und je, noch nicht einmal eine Schonzeit wurde ihm zugebilligt. So kam es denn, dass die großen Jäger des Arbeiter- und Bauernstaats ganz nebenbei einen nach dem anderen zur Strecke brachten, und damit die Rückkehr des Wolfs in seine alte Heimat verhinderten. Zu einer Zeit, wo auf internationalen Symposien aufwendige Programme zur Rettung der letzten Wölfe Europas beschlossen wurden und sich ihr Bestand in klassischen „Wolfsländern“ an den Fingern einer Hand abzählen ließ.
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