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Wenn Elefanten von Afrika träumen

Freitag, 28. Dezember 2007

Molweni – seid gegrüßt! Ich bin Loxa. Mit Vor- und Familiennamen heiße ich Loxodonta Africana. Aber weil sich das kein Warzen-Schwein merken kann, werde ich nur „Loxa“ gerufen. Loxa, Loxa, Loxa! Gefällt mir ganz gut. Ich bin ein Elefanten-Mädchen, nach eurer Zählung so ungefähr im Teenager-Alter und lebe im südlichen Afrika. Ich weiß, ihr Zweibeiner sagt gerne „Dickhäuter“ zu uns. Das ist aber großer Quatsch, wir sind überhaupt nicht dickfellig – im Gegenteil, sehr zart besaitet! Und unsere Haut ist äußerst empfindlich. Wir spüren jeden Piekser – selbst den Stich einer Mücke.
Weil meine Sippe gerade eine ruhige Zeit verbringt, kann ich euch ein wenig erzählen: von mir, meinen Geschwistern, meinen kleinen Cousins, den Cousinen und Tanten und natürlich von meiner Mutter, der liebevollsten und klügsten Mutter der Welt.

Ihr vermisst meinen Vater? Den riesigsten unter den Grauen Riesen, mit den mächtigsten Stoßzähnen im ganzen Reservat? Ich eigentlich gar nicht. Nun ja, mein Erzeuger, der hat nicht viel zu sagen in unserer Weiberwirtschaft. Der ist sowieso nie da. Der ist ein richtiger Eigenbrötler und taucht nur zu ganz bestimmten Zeiten auf. Dann ist meine Mutter kurz außer sich vor Freude, aber das war’s dann schon.

Nach seinem Besuch ist sie meistens wieder schwanger und ungefähr 22 Monate später wird ein neues Geschwisterchen geboren. Ich freue mich jedes Mal riesig darauf. Und bin immer aufs Neue hingerissen, dass es so eine perfekte Miniaturausgabe von uns Grauen Riesen überhaupt gibt. Minifant! Kann gleich trinken und laufen, der Winzling. Nur mit seinem Rüsselchen weiß er noch nichts anzufangen. Hat keine Ahnung, wozu das gut sein soll. Schlenkert damit nur unbeholfen hin und her. Einfach umwerfend süß! Wir Größeren reißen uns darum, mit den Kleinen zu spielen und auf sie aufzupassen. Natürlich bringen wir ihnen auch die ersten Dummheiten bei. Begeisterte Babysitter eben!

Obwohl, ich muss gestehen, nach der Geburt meines ersten Schwesterchens, ich war damals vielleicht vier Jahre alt, war ich ziemlich sauer. Ich durfte von heute auf morgen nicht mehr an die Milchbar aus der ich mich immer noch nach Lust und Laune bedienen konnte. Doch, doch, wundert euch nicht, wir Elefantenkinder werden sehr lange gestillt, meistens bis das nächste Baby geboren ist. Das hat natürlich dann Vorrang. Ganz klar! Das versteht ja jeder, dazu braucht man kein Elefant zu sein. Aber bringt das mal einem kleinen Trotzkopf bei, dem bisher jeder Wunsch erfüllt wurde. Kindheit, das ist für uns Elefanten der Himmel auf Erden.

Ich war vielleicht drei Jahre alt, da stürzte dieser Himmel ein. Ohne Vorwarnung. Ganz plötzlich. Ich erinnere mich noch genau als wäre es gestern passiert. Wir haben ja ein sagenhaft gutes Gedächtnis. „Elefantengedächtnis“ – sagt ihr ja auch. Wir vergessen nie etwas, nicht die kleinste Kleinigkeit, egal wieviel Zeit vergangen ist. Das Unglück, von dem ich euch berichten will, traf hauptsächlich die Kinder. Damit aber auch alle Halbwüchsigen und Erwachsenen unserer Sippe, die sie mit grenzenloser Liebe umsorgt hatten. Es fällt mir schwer darüber zu reden, aber ihr müsst es erfahren. Ihr müsst es einfach wissen, damit so etwas nie, nie wieder geschieht! Ich kenne alle Einzelheiten, auch die, die ich nicht selbst erlebt habe, weil die Geschichte immer und immer wieder erzählt wird. Von allen, die dabei waren. Und wir werden sie auch an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben.

Es geschah im Juli. Juli, da ist bei euch Sommer. Aber bei uns im Süden Afrikas ist das mitten im Winter. An einem stürmischen, trüben Tag mit anhaltendem Wind aus Südost zogen mehrere Familien meiner Sippe – darunter zahlreiche Babys – friedlich weidend durch ihr angestammtes Streifgebiet. Frisches Grün war knapp. Wir hatten ein überaus trockenes Jahr, der Regen ließ auf sich warten und die Nahrungssuche wurde zunehmend mühsamer und zeitraubender. Plötzlich erschienen diese schrecklich knatternden Flieger am Himmel. Die Älteren von uns kannten sie schon. Sie tauchen immer mal wieder auf, machen einen Höllenlärm, erschrecken uns und sind wieder verschwunden. Unangenehm, klar, aber nicht weiter besorgniserregend oder gefährlich. So hatten wir das in Erinnerung.

Diesmal war es anders. Wie bösartige Insekten stürzten sich die Flieger immer aufs Neue herunter. Griffen uns an. Trieben uns mit Gewalt auseinander. Hetzten uns. Offenbar hatten sie es besonders auf die Jüngsten abgesehen. Die Kleinen, die meisten waren ja noch Babys, wurden durch den aufgewirbelten orangefarbenen Staub nahezu blind. Sie verloren schnell den Kontakt zu den Großen, die in wilder Panik in alle Himmelsrichtungen flohen. Die Luft war erfüllt vom Motorenlärm, dem Trompeten der Mütter und den schrillen Schreien der Kleinen. Ein unbeschreibliches Durcheinander! Es roch streng nach Angst und Panik.

Ich hatte großes Glück im Unglück. Als das Tohuwabohu begann, lief ich vollkommen verdeckt von meiner Tante nahe am Bauch meiner Mutter. Die muss das drohende Unheil gewittert haben. Wie eine Furie trieb sie mich an. Half mit dem Rüssel nach. Schob mich vorwärts. Nur schnell weg, weg, weg! In ihrem Schutz bin ich gerannt so schnell mich meine kurzen Stampfer tragen konnten. Auf diese Weise bin ich meinem Schicksal entkommen.

Nachdem sich der aufgewirbelte Staub gelegt hatte, erkannten wir nämlich aus der Ferne, dass überall unsere Jüngsten zu Boden sanken und liegen blieben. Wie tot. Manche bewegten sich noch, zuckten oder wimmerten leise. Es waren so furchtbar viele. Nach Menschen-Rechnung vielleicht 40 oder 50. Unvorstellbar – aus jeder Familie haben sie immer die Kleinsten erwischt. Die meisten waren noch Babys und von der Muttermilch abhängig. Noch während die knatternden Flieger abzogen, erschien am Horizont eine Autoschlange. Große Lastwagen steuerte genau auf das Schlachtfeld zu und spuckten eine ganze Horde Männer aus. Die brüllten und pfiffen und kommandierten und rannten aufgeregt umher. In großer Eile warfen sie die reglosen Kleinen auf die Ladeflächen und transportiert sie ab. Unsere Babys! Unsere kleinen Geschwister! Sie waren weg, weg! Zweibeinige Kidnapper hatten sie geraubt!

Nach einer Weile näherte sich meine Mutter – mit mir im Schlepptau – ganz vorsichtig dem Unglücksort. Sie, die kluge, erfahrene Leitkuh, wollte als erste Witterung aufnehmen und sich ein Bild machen. Dann sah ich es auch: da lagen noch immer mindestens 10 bis 15 Kleine! Fast unsichtbar, bedeckt mit Staub, nicht tot, sondern tief schlafend! Meine Mutter wanderte von einem zum anderen und berührte sie sanft mit dem Rüssel. Blies ihnen den Staub aus dem Gesicht. Betastete die kleinen betäubten Körper. Dabei entdeckte sie etwas sehr Wichtiges: Die Babys, die die Kidnapper liegengelassen hatten, waren alle Bull-Kälber, kleine männliche Elefanten. Die wollten sie nicht! Sie hatten es offenbar auf die Kuh-Kälber abgesehen. Warum bloß? Ein Rätsel. Wir lösten es erst viel später …

Zunächst trompetete meine Mutter markerschütternd: Die Zweibeiner sind verschwunden! Sollten sie sie es wagen zurückzukommen, werden wir sie töten! Kommt alle her! Helft mir! Wir müssen die Kleinen bewachen bis sie ausgeschlafen haben! Ein vielstimmiges heiseres Kollern war die Antwort. Die Mitglieder meiner Sippe hatten bereits Bericht erstattet. Mit dieser besonderen Sprache, die von euren lächerlich kleinen Menschen-Ohren gar nicht wahrgenommen wird und die nur von Elefanten über weite Strecken gehört und verstanden werden kann. Inzwischen wussten alle Artgenossen im Umkreis von vielen Kilometern: der Loxa-Sippe ist etwas Außergewöhnliches und Schreckliches zugestoßen.

Und dann kamen sie angelaufen, mit fliegenden Ohren und schlenkernden Rüsseln, aus allen Himmelsrichtungen. Sie begrüßten und umarmten einander, verknoteten die Rüssel, knallten die Stoßzähne aneinander und trompeteten in allen möglichen Tonlagen. Die meisten hatten total verweinte Gesichter – würdet ihr sagen. Und irgendwie stimmt das ja auch. Weil uns bei Angst und Aufregung Flüssigkeit aus den Schläfendrüsen in dunklen Bächen über die Wangen läuft, sieht das aus als weinten wir. Und glaubt mir, viele von uns haben geweint, innerlich. Um die gestohlenen Kinder. Und um die, die noch schlafend im Sand lagen und aussahen als wären sie tot.

Glücklicherweise waren sie noch am Leben. Sie wurden von vielen Helferinnen sanft mit dem Rüssel und den Füßen bearbeitet und ein wenig geschoben, damit sie wieder auf die Beine kamen. Da standen sie nun, die „geretteten“ kleinen Bullen, torkelten noch ein wenig, als hätten sie von verbotenen Früchten genascht. Sie hatten keine Schimmer, was ihnen geschehen war. Wir Jungen und Halbwüchsigen wussten es auch nicht. Standen ratlos herum und traten von einem Bein aufs andere. Nur ein paar alte und erfahrene Elefantinnen hatten so eine Ahnung. Aber die senkten nur die Köpfe und schwiegen.

Die geraubten Kleinen fehlten uns schrecklich. Fast jede Familie vermisste ihre jüngsten Kuh-Kälber. Und die Sorge, was mit ihnen geschehen war, ob sie tot waren oder noch lebten, brachte die Erwachsenen fast um den Verstand. Sie konnten noch nicht einmal um sie trauern, wie es Elefanten- Sitte ist. Es gab keinen Ort. Nirgends. Die gedrückte Stimmung hielt noch lange an. Und auch der besorgte Blick zum Himmel, wenn sich wieder einmal ein knatterndes Motorengeräusch näherte. Aber so nach und nach begruben wir unsere Traurigkeit und verschluckten unsere Angst. Das Leben musste ja weitergehen. Das waren wir unseren Kleinen schuldig.

Die Elefantinnen, die zur Unglückszeit schwanger waren, brachten ihre Babys auf die Welt. Diese Stammhalter wurden begrüßt und umsorgt wie keine vorher oder nachher. Auch ich hatte ein neues Schwesterchen und endlich wieder Spaß am Leben. Wer nicht wusste, welches Unglück über meine Sippe gekommen war, musste uns für glückliche Familien halten.

Nach außen war es auch so. Endlich, nach langer Trockenzeit, hatte es wieder kräftig geregnet. Eine Wohltat! Wir hörten richtig, wie die Natur einen tiefen Seufzer machte und aufatmete. Danach begrünte sie sich in Windeseile. Wir hatten es wieder, unser Paradies! Die alten, fast eingetrockneten Wassenstellen liefen voll. Wir musste nicht mehr mühsam graben und mit den Stoßzähnen den Boden aufreißen, um eine winzige Wasserloch freizulegen. Es war genug zu trinken für alle da. Und wir konnten wieder baden. Plantschen und spitzen und tauchen. Jawohl, auch tauchen! Was macht das für einen Spaß, unter Wasser zu laufen! Wir haben ja den Schnorchel, unseren Rüssel immer dabei. Wir müssen ihn nur über Wasser halten und kriegen dadurch Luft. Funktioniert ganz prima.

Später, und wieder mitten im Winter, hörten wir ein verdächtiges Motorengeräusch vom Landweg her. In großer Entfernung zwar, trotzdem: Alarm! Alle Elefanten, die in der Gegend waren, liefen eiligst zusammen. Sie nahmen die Jungen und die Neugeborenen in ihre Mitte und bildeten so einen undurchdringlichen Wall. Ich will es kurz machen: Wir brauchten nicht lange zu warten. Tatsächlich näherte sich ganz langsam ein großer geschlossener Wagen. Es war nur einer, aber er fuhr genau auf uns zu. Klar, wir hatten Angst. So eine Angst, die auch ihr Zweibeiner riechen könnt. Als dann der Wagen vor uns zum Stehen kam, wichen wir nicht von der Stelle. Keinen Schritt. Wir warteten gebannt, was passieren würde und machten uns bereit zum Angriff.

Aber dann trauten wir unseren Augen kaum. Ein paar Zweibeiner stiegen aus, rannten um den Wagen, rissen eine Tür auf, machten merkwürdige Geräusche mit den Lippen und stiegen wieder ein. Und dann, und dann ihr werdet es kaum glauben, kamen ganz langsam und vorsichtig junge Elefanten zum Vorschein. Es waren fünf – genau so viele wie eure Hand Finger hat. Wir nahmen Witterung auf, sie nahmen Witterung auf und was dann folgte ist kaum zu beschreiben. Ein Freudentaumel! Ein Trompetenkonzert! Ein Rüsselschlenkern und Ohrenklatschen! Nach einer Regen- und einer Trockenzeit war eine Handvoll der geraubten Elefantenkinder wieder zu Hause. Wir nahmen sie in unsere Mitte, wir tanzten und sangen und bemerkten gar nicht, wie sich der große Wagen entfernte.

Natürlich waren sie gewachsen. Aber, wie soll ich das beschreiben? Sie sahen nicht gut aus. Nicht so kräftig und pummelig wie es bei gut ernährten und gepflegten Elefantenkindern üblich ist. Ihre Gesichter und Flanken waren eingefallen. Ihre Haut war trocken, rissig und rauh. Sie hatte Abschürfungen am ganzen Körper und üble eiternde Wunden – vor allem zwischen den Zehen, um die Augen und hinter den Ohren. Sie waren so müde, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Sie machten einen verwirrten, traurigen Eindruck. Und sie konnten oder wollten nicht reden. Wir mussten also unsere Neugier bezähmen und warten, bis sie sich etwas erholt hatten.

Die nächsten Tagen verbrachten die fünf Heimkehrer bei ihren Familien – abgeschirmt und immer wieder liebevoll befühlt und gestreichelt. Wie gern hätte ich gewusst, was sie erlebt haben! Dass es nichts Gutes war, konnte selbst ich Kindskopf begreifen. Aber eine gewisse Scheu hielt mich davon ab, ihnen zu nahe zu kommen. Nur die Großen kümmerten sich. Oft sah ich, wie sie die Köpfe zusammensteckten und leise brummten und kollerten und wisperten. Sie diskutierten und beratschlagten nach Elefantenart. Endlich, nach ein paar Tagen, rief man uns Kinder zusammen. Die Größeren, die die Kidnapper in Ruhe gelassen hatten und die ganz Kleinen, die zu der Unglückszeit noch gar nicht auf der Welt waren. Alle sollten wir hören, was unsere weise Anführerin zu sagen hatte. Dass es meine Mutter war, machte mich natürlich mächtig stolz!

Sie hatte uns an diesem besonderen Tag so viel zu erzählen, dass uns anschließend der Schädel brummte und die Ohren schlackerten. Sie erteilte uns einen aufregender, aber auch erschreckender Unterricht in Geschichte. Die Geschichte der Elefanten ist unvorstellbar grausam. Wir lernten, dass es für uns nur einen einzigen wirklichen Feind gibt, der uns seit Jahrhunderten nicht in Frieden lässt, der uns jagt und fängt und quält und tötet. Es ist der Mensch!

Menschen, zweibeinige Jäger, haben unseren Ahnen aufgelauert, haben sie zu Tausenden und Abertausenden niedergemetzelt, um an ihre Stoßzähne zu kommen. Sie nannten sie Elfenbein. Sie waren gierig nach Elfenbein. Es war so gut wie Gold, weißes Gold eben. Deshalb töteten sie jeden Elefanten, den sie kriegen konnten, am liebsten die alten großen Bullen mit den mächtigsten Stoßzähnen. Sie schlachteten so viele ab, bis kaum mehr welche übrig waren. Sie hackten ihnen das Elfenbein aus dem Gesicht und ließen den Leichnam liegen. Afrikas Erde ist getränkt mit unserem Blut. Manchmal nahmen weiße Männer auch den Rüssel, den Schwanz oder die Füße mit – als Andenken, um ihre Häuser damit zu schmücken.

Warum die Füße, was machen sie mit unseren Füßen, wisperte die kleine Schwester neben mir. Unsere Mutter hatte es sehr wohl gehört und antwortete ungerührt: Sie setzten sich drauf oder stellten ihre Stöcke, Schirme oder Waffen hinein.

Da wurde mir sterbenselend. Und nicht nur mir … Aber es ging noch weiter.

Menschen, Tierfänger, haben Elefantenmüttern aufgelauert, sie verfolgt und getötet. Sie haben ganze Familien ausgelöscht und nur die kleinsten Kinder am Leben gelassen. Die Kleinen irrten dann zwischen den Toten umher, auf der Suche nach ihren Müttern. Und sie haben geweint und geschrieen, genauso wie Menschen-Babys weinen und schreien. Das war den Zweibeinern aber egal. Sie hatten kein Mitleid. Sie haben die Babys eingesammelt und in alle Welt verkauft. An Zirkusse, wo man sie zwang, auf dem Kopf zu stehen, damit kleine Menschen was zum Lachen hatten. Und an Zoologische Gärten, die keine Gärten sind, sondern Gefängnisse. Dort standen sie in engen Zellen, oft angekettet wie Schwerverbrecher und fast wahnsinnig vor Sehnsucht und Langeweile. Nur manchmal nach Jahren, wenn die Qual allzu groß wurde, hat sich einer gewehrt und einen Zweibeiner zerdrückt wie eine Mücke …

Ja, ja, ja, das ist richtig, trompetete meine Schwester und stapfte aufgeregt hin und her – was ihr einen kleinen Rüssel-Rüffler von unsere Mutter einbrachte. Die war nämlich noch lange nicht fertig. Was sie uns dann sagte, ist für euch, die ihr mir solange zugehört habt, jetzt ungeheuer wichtig. Sie lehrte uns nämlich, dass es auch außergewöhnliche Menschen gibt. Zweibeiner, die uns lieben und achten. Die wütend waren und protestierten, als sie hörten und sahen, was damals mit unseren Kleinen geschehen ist.

Die Kidnapper brachten unsere betäubten Babys nämlich auf schnellstem Weg zu einem Tierhändler. Er war es, der sie entführen, schlagen, quälen und misshandeln ließ. Aus Angst vor Strafe lernten die Kleinen schnell, dass sie den Befehle ihrer Peiniger Folge leisten müssen. So „dressiert“ konnten sie für richtig viel Geld an Zoos und Zirkusse in alle Welt verkauft werden. Vor Elefanten im Babyalter haben die meisten Zweibeiner nämlich keine Angst. Und zudem finden sie unsere Babys einfach so „süß“, dass sie Geld bezahlen, um sie zu begaffen. Das ändert sich schnell, wenn wir erwachsen werden, dann fürchten sie sich vor uns. Besondere Angst haben sie vor den Zornesausbrüchen der mächtigen Bullen. Die können zeitweise sehr gefährlich und unbezähmbar werden.

Da ging uns ein Licht auf: Die Bull-Kälber, die sie nicht mitgenommen haben! Die waren ihnen zu „gefährlich“! Jaaahh…

Aber die fünf Kleinen, die sie uns zurückgebracht haben? Die weise Elefantin senkte den Kopf und antwortete sehr leise. Das waren nicht die Kidnapper, das waren unsere Freunde. Sie haben für die fünf ein hohes Lösegeld gezahlt. Die wurden freigekauft und uns wiedergebracht.  Und die anderen, wo sind die anderen? Werden sie auch zurückkommen? Nein? Nein!

Sie wurden in alle Welt verschickt. In Zoos und Zirkusse. Müssen den Clown spielen. Arbeiten irgendwo als Reittiere, tragen Lasten. Sind traurig und verzweifelt. Sehnen sich nach ihren Familien. Beweinen ihre gestohlenen Kindheit. Träumen von Afrika. Wir werden sie bestimmt nie wiedersehen. Bei den letzten Worten unserer weisen Anführerin schluchzten wir Kleinen hemmungslos.

Seit dieser Lektion ist viel Zeit vergangen. Jetzt, zehn Regenzeiten später, bin ich, Loxa, kein Kind mehr, aber auch noch nicht so richtig erwachsen. Nur schlauer als damals bin ich, wirklich, viel schlauer! Ich weiß nämlich, dass einige der gestohlenen kleinen Elefanten-Kühe auch in eurer Land geschickt wurden. Und ich hoffe inständig, dass sie noch am Leben sind. Sie müssen jetzt in meinem Alter sein. Sucht sie! Findet sie! Sagt ihnen, wir tragen sie in unserem Herzen und denken jeden Tag an sie. Sagt ihnen, der Teufel von Tierhändler, der so viel Unglück über uns gebracht hat, ist inzwischen zur Hölle gefahren! Und vor allem: versprecht ihnen, dass ihr für sie kämpfen werdet, bis alle Käfige leer stehen und alle Ketten gesprengt sind!

Halt, beinahe hätte ich etwas vergessen:  In der letzten Zeit bekommt meine Sippe immer mal wieder Besuch von netten und freundlichen Zweibeinern. Sie bleiben nicht lange und stören uns nicht weiter. Meistens sind ein paar dabei, die unsere Sprache sprechen – die uns verstehen. Also, wie wär’s? Auch ihr seid herzlich willkommen …

Sala kakuhle – auf Wiedersehen!

Eure Loxa

 

Text: Karin Hutter

Foto: waleerat wasinsakul – Fotolia

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