Archive for Juli 2005

Warum sollten Wölfe keinen Schutzengel haben?

Sonntag, 24. Juli 2005

Mein Name ist Lupus. Jawohl, ich bin ein Wolf. Mit dem bösen Wolf aus dem Märchen habe ich nichts zu tun. Wer das erzählt, der lügt. Kein Mensch braucht vor mir Angst zu haben. Im Gegenteil – ich bin es, der sich vor den Menschen fürchtet.

Vor den meisten jedenfalls. Wenn es sich einrichten lässt, gehe ich ihnen lieber aus dem Weg. Nicht jeder Zweibeiner ist so gutmütig wie der, dem ich neulich begegnet bin. Der hielt mich wohl für einen Hund und pfiff nach mir. Alles was recht ist! Nur gut, dass er nicht genauer hingesehen hat, sonst hätte er seinen Irrtum vielleicht bemerkt und Krach geschlagen. Das ist das Letzte, was ich hier gebrauchen kann. Für die, die es für sich behalten können: Wir Wölfe wirken hochbeiniger als Schäferhunde, die uns entfernt ähnlich sehen. Wir haben aber kleinere, eher runde Ohren, und unseren Blick aus gelben Augen würde kein Mensch als »treu« bezeichnen. Unseren buschigen Schwanz tragen wir würdevoll wie eine Schleppe. Ringelschwänze gibt’s bei uns nicht. Wer Tierspuren lesen kann, wird uns an unserem Pfotenabdruck erkennen, den wir im Schnee oder im Sand hinterlassen. Er ist länger und schmaler als der eines Hundes.

Überhaupt Hunde! Ein Kapitel für sich. Wir mögen sie nicht besonders, diese vorlauten Kläffer. Sie riechen unheimlich. Unheimlich stark nach Mensch. Wenn es darauf ankommt, halten sie lieber zu ihm als zu uns. Sie sind weder frei noch wild, obwohl sich einige von ihnen so aufspielen. Letztlich – und das will mir nicht in den Kopf, stammt jeder lächerlicher Kläffer, ob groß oder klein, ob schlappohrig oder krummbeinig, ob gestreift oder gefleckt, vom Wolf ab. Schöne Verwandtschaft das!
Aber eigentlich wollte ich ja meine eigene Geschichte erzählen. Also:

Ich komme aus dem Land jenseits des großen Flusses. Meine Heimat sind die dichten, dunklen Wälder, in die sich nur selten ein Mensch verirrt. Dort im Wolfsland, wo die Bäume fast in den Himmel wachsen, bin ich in einer Höhle zur Welt gekommen. Mein ganzes Leben lang werde ich mich an den Duft meiner Mutter erinnern. Warm und weich in ihren Pelz gebettet, verbrachte ich die ersten Wochen wie fast alle Tier- und Menschenkinder. Essend und schlafend und schlafend und essend. Satt und zufrieden. Später stritten wir Geschwister – wir waren zu viert – immer öfter um die beste Milchquellen. Nachdem sie versiegt waren, kümmerte sich unser Vater darum, dass wir satt wurden. Unermüdlich war er auf den Beinen, um Nahrung heranzuschaffen. Selbst für einen Wolf ist es kein Kinderspiel, vier hungrigen Mäuler zu stopfen! Und es kann schon lästig werden, die ewig bettelnde Brut am Hals zu haben. Wolfswelpen haben nämlich einen Mordsappetit und wachsen wie der Teufel.

Schon bald wurde uns Kleinen die Höhle zu eng. Wir entdeckten, dass die Welt bunt und schön und aufregend ist. Von Gefahren, die auch auf dumme, kleine Wölfe lauern, ahnten wir natürlich nichts. Unsere Eltern hatten ihre liebe Not mit uns. Wahrscheinlich ist es leichter einen Sack Flöhe zu hüten als vier unternehmungslustige Welpen. Wir haben sie jedenfalls ganz schön in Atem gehalten! Nach wenigen Monaten waren wir fast so groß wie sie. Schlaksige Halbstarke, noch nicht erwachsen, aber auch keine Welpen mehr. Das war die Zeit, in der wir alles lernten, was ein richtiger Wolf wissen und können muss und in unseren Eltern hatten wir die besten Lehrmeister der Welt. Sie haben uns geduldig gezeigt, wie man Mäuse fängt. Dass manche Beeren köstlich schmecken. Dass es Gräser und Kräuter gibt, die bei Magendrücken helfen. Und – ich will es nicht verschweigen, sie sind mit uns auch auf die Jagd gegangen. So oft, bis wir endlich begriffen hatten, worauf es ankommt. Anschleichen, umzingeln, hetzen und zupacken. Nicht jeder Versuch Beute zu machen war erfolgreich und nicht selten sind wir mit leerem Magen nach Hause gekommen.

Jeder Mensch weiß, dass wir Wölfe uns nicht allein von Gräsern, Wurzeln und Früchten ernähren. Wir würden krank und schwach werden und langsam zugrunde gehen. Ab und zu brauchen wir ein ordentliches Stück Fleisch zwischen den Zähnen. Dass man uns deswegen als »Räuber« beschimpft, ist schon ein starkes Stück. Aber so sind sie nun mal, die Zweibeiner. Sie halten sich für etwas ganz besonderes und glauben, alles auf dieser Welt sei nur für sie da. Sie wollen nicht teilen. Das ist es!
Bevor ich mich aufrege, will ich lieber weitererzählen.

Unsere Kindheit, was war das für eine wilde, sorglose Zeit! Manchmal kamen Verwandte aus einem entfernten Tal vorbei. Genauer gesagt, die Sippschaft meiner Mutter mit Kindern und Kindeskindern. Auf den ersten Blick eine ziemlich verwegenes Pack. Doch an ihren Manieren war nichts auszusetzen. Sie rückten uns nicht einfach auf den Pelz, sondern machten an der Grenze unseres Reviers halt und meldeten sich an. Wenn meine Eltern das hörten, wurden sie ganz aufgeregt vor Freude. Sie ließen alles stehen und liegen und antworteten.

Die Menschen haben dafür ein ziemlich hässlich klingendes Wort. Die Wölfe heulen, sagen sie und ängstigen sich völlig unnötig. Dabei gibt es nichts schöneres als den Gesang eines Wolfsrudels, ganz besonders in einer klaren Vollmondnacht. Und das Singen steckt an. Wer es hört, muss einfach mitsingen, ob er will oder nicht. Wenn Wölfe heulen heisst das ja nichts anderes als: Hallo, wir sind da, meldet euch, wenn ihr auch in der Gegend seid. Oder: Heute Nacht gehen wir auf die Jagd, wer sich anschließen will, ist herzlich eingeladen. Oder manchmal auch: Ich bin alleine und sehne mich nach einem Gefährten.

Alles war, wie es sein sollte und es hätte so weitergehen können, wenn nicht eines Tages etwas Schreckliches passiert wäre. Im Morgengrauen – wir Jungen ruhten todmüde von der nächtlichen Jagd in unserer Höhle – war mir, als hörte ich Geräusche. Seltsam fremd. Auch ein merkwürdig strenger Geruch hing in der Luft, den ich nicht deuten konnte. Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, einen Pirschgang zu unternehmen. Doch ich hatte einfach keine Lust, unsere warme Höhle zu verlassen, machte mir nicht groß Gedanken und schlief wieder ein. Ich hielt es noch nicht einmal für nötig meine Geschwister zu alarmieren. Ein unverzeihlicher Fehler, den meinen Eltern – wären sie nur da gewesen – niemals gemacht hätten. Als ich aufschreckte, war es zur Flucht schon zu spät. Ich hörte noch ein Krachen und Poltern, dann einen ohrenbetäubenden Knall. Dann stürzte die Höhle ein. Vier junge Wölfe wurden unter Erdbrocken und Steinen begraben. Aus. Vorbei. Totenstille.

Als ich wieder zu mir kam, war mir, als müsste ich ersticken. In wilder Hast fing ich an zu scharren, blindlings Erde und Steine wegzuschaufeln. Ich wollte raus, nur raus! Nicht lebendig begraben sein. Nicht jetzt schon sterben müssen. Nie wieder den blauen Himmel sehen… Plötzlich sah ich ihn. Ein winziges Stück Blau wurde mein Wegweiser in die Freiheit. Ich arbeitet wie ein Besessener und nahm die Zähne zu Hilfe, um den Erdspalt zu erweitern. Endlich konnte ich mich hindurchzwängen. Geblendet vom hellen Tageslicht, rannte ich blindlings los. Ich rannte um mein Leben. Fort von den kreischenden Maschinen und brüllenden Menschen. Ich war dermaßen damit beschäftigt, meine eigene Haut zu retten, dass ich an meine Geschwister gar nicht dachte. Heute, wo ich älter und weiser bin, schäme ich mich dafür. Ich habe keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist.

An jenem Unglückstag lief und lief ich ohne Pause bis es Abend wurde. Meine Pfoten wurden wund und ich keuchte vor Erschöpfung. Erst als ich plötzlich vor einem breiten, träge fließenden Wasser stand, hielt ich an. So viel Wasser hatte ich noch nie gesehen. Vorsichtig trank ich ein paar Schlucke, dann kühlte ich meine heißen, schmerzenden Pfoten und dann – oh, es war wunderbar, legte ich mich in eine flache Mulde und ließ mir von den plätschernden Wellen den Schmutz aus dem Pelz spülen. Langsam fühlte ich mich besser. Der Nebel in meinem Gehirn löste sich auf. Obwohl ich damals noch ein junger Spund war, unerfahren und gutgläubig, ahnte ich doch, was mir und den meinen zugestoßen war.

Meine Mutter hat uns oft erzählt, dass sich Menschen fürchten, wenn sie durch einen Wald gehen müssen. Je größer, dichter und dunkler er ist, um so mehr fürchten sie sich. (An dieser Stelle lachten wir Kleinen uns halbtot). Deswegen setzen sie sich am liebsten in diese fahrenden Käfige, die sie Autos nennen. Und weil Autos nur auf glatten, breiten Pfaden rollen, die Straßen heißen, müssen Menschen immerzu Straßen bauen. Besonders gern durch Wälder. Dafür fällen sie dann alle Bäume, die im Wege steht. Millionen und Abermillionen Bäume sind so ums Leben gekommen. Einer davon muss genau auf unsere Höhle gestürzt sein!

Am Abend jenes Unglückstages war ich das erste Mal in meinem Leben alleine und tieftraurig. Ich hatte alles verloren, was mir vertraut war: meine Eltern und Geschwister, meine Höhle, meine Lichtung, meinen Wald, meine Welt – meine Heimat. Und obwohl ich hungrig war wie nur ein Wolf sein kann, kroch ich ins nächsten Gebüsch, rollte mich zusammen und schlief ein. Mitten in der Nacht wurde ich plötzlich wach. Hellwach! Meine innere Stimme sagte mir: Du musst weiter, über das große Wasser und noch viel weiter, bis du in eine Gegend kommst, in der deine Sippe einst zu Hause war. Sie ist schön und fast menschenleer und niemand wird dort den Wald vernichten, dich verjagen oder dir nach dem Leben trachten. Die Zeiten haben sich geändert. Auch für dich. Das wird mir kein Zweibeiner glauben, aber es war so. Genau so! Von dem Moment an wurde ich von einer großen Unruhe gepackte. Ich wollte keine Zeit verlieren, denn ich sah meinen Weg so deutlich vor mir, als wäre ich ihn schon einmal gegangen. Dass ich am Ausgangspunkt einer langen, gefahrvollen Wanderung stand, war mir damals gar nicht bewusst. Wie im Traum hatte ich nämlich jenen uralten, fast vergessenen Wolfswechsel gefunden, auf dem meine Ahnen jahrhundertelang nach Westen gezogen sind.

Zuerst musste ich auf die andere Seite des große Wasser gelangen. Ein bisschen Angst hatte ich schon, aber an einer seichten Stelle ging es einfacher als gedacht. Nachdem das geschafft war, lief ich weiter und weiter, immer der Nase nach, immer westwärts. Ich überquerte Straßen, wich Autos aus und schlich um Menschenhäuser. Meinen Hunger spürte ich kaum noch. Erst als mir ein merkwürdiger großer Vogel über den Weg lief, der einfach nicht wegfliegen wollte, packte ich zu. Eine so leichte Beute war mir noch nie begegnet. Heute weiß ich natürlich, dass diese dummen Vögel den Menschen gehören, Sie lassen sie in der Gegend herumlaufen und machen ein Riesengeschrei, wenn einer fehlt. Der Fuchs, der Fuchs, jammern sie dann und rufen nach dem Jäger. Das ist auch wieder ein Kapitel für sich. Davon später.

Ich hatte also mein erstes Huhn erbeutet und weil das so mühelos ging, ist es mir während meiner Wanderung zur Gewohnheit geworden. Hühner geben zwar nicht viel her und ihre Federn sind ungeheuer lästig, sie sind jedoch besser als nichts. Wenn man hungrig und in Eile ist, darf man nicht heikel sein, das weiß doch jedes Kind. Einmal – es war in der Nähe einer großen Stadt – hörte ich Krähen schreien. Ich kannte das. Krähen machen ein unglaubliches Theater, wenn sie etwas Nahrhaftes entdeckt haben. Und manchmal lohnt es sich sich, das schwarze Gesindel von seiner Beute zu vertreiben. Neugierig geworden, folgte ich ihnen. Was sich jedoch dann vor meinen Augen abspielte, war unerhört. Hunderte, ja tausende dieser schwarzen, kreischenden Aasvögel ließen sich auf einem riesigen, stinkenden Berg nieder und wühlten im Dreck. Jawohl, Dreck! Dreck, der nach Menschen stank. Dreck, der zum Himmel stank. Zwischen den Krähen mit leuchtenden Augen meine Vettern, die Füchse. Auch sie verschlangen gierig, was noch genießbar war. Auch ein paar Hunde waren da. Dürre Gestalten, die sich mit Krähen und Füchsen um die besten Brocken zankten. Widerlich! Entwürdigend! Nein, dann halte ich mich doch lieber an Mäuse und Regenwürmer. Ich war überzeugt, kein Wolf, und wäre er noch so hungrig, würde sich einen solchen Aasfraß einverleiben. Ich sollte mich täuschen. Nicht das erste Mal in meinem Leben.

Unbemerkt wie ich gekommen war, machte ich mich wieder davon. Ich brauchte die ganze Nacht, um die große Stadt zu umrunden. Mein vorgezeichneter Weg, den ich wie eine Landkarte im Kopf hatte, führte zwar mitten durch, aber das Wagnis war mir zu groß. Also schlich ich durch Gärten, über Felder und Wiesen, zwängte mich durch Zäune, watete durch Gräben, immer begleitet vom wütenden Gebell der Hunde. Gefangene an Ketten. Eingesperrte in Käfigen. Arme Irre, die für einen vollen Magen ihre Freiheit verkauft haben. Was beklagen sie sich, sie haben es nicht anders verdient. So dachte ich damals. Ich wusste noch nicht, dass auch sie unter den Zweibeinern zu leiden haben und dass manche von ihnen ärmer als Schweine sind.

Der Morgen graute, die Stadt lag endlich hinter mir, da blieb ich, kaum hatte ich mich in Trab gesetzt, wie angewurzelt stehen. Hatte ich mit offenen Augen geträumt? War auch ich verrückt geworden? Nein, da waren sie wieder, die Stimmen meiner Artgenossen. Wölfe! In dieser gottverdammten Gegend sangen Wölfe! Kein Zweifel, sie sangen das alte Lied, das ich so oft gehört hatte. Und sie sangen es hinreißend schön. Strophe für Strophe. Alle Vorsicht vergessend, holte ich tief Luft und antwortete. Ich schämte mich ein bisschen, weil meine Stimme so rauh und ungeübt klang. Ich hatte ja seit ich unterwegs war keinen Laut von mir gegeben. Trotzdem wurde ich verstanden. Eine schöne helle Stimme schickte mir eine Einladung: Komm her, Fremdling, beeil dich, wir warten. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Endlich! Wie lange hatte ich die Gesellschaft von Artgenossen entbehren müssen. Freudig erregt setzte ich mich wieder in Trab.
Ich will es kurz machen: Es wurde eine Riesenenttäuschung. Ich fand meine Artgenossen ohne Schwierigkeiten. Es war keine Kunst, denn sie waren eingesperrt. Gefangen, hinter Gittern – wie die Hunde. Um sie herum lärmten eine Menge anderer Tiere. Tiere, die ich noch nie gesehen hatte. Auch sie waren mit Gittern, Zäunen und Mauern umgeben.

Die Wölfe waren zu viert. Als sich mich entdeckten, rannten sie in ihrem Gefängnis hin und her. Immer zehn Schritte hin und wieder zurück, hin und zurück. Wie von Sinnen. Dabei flackerte der Irrsinn in ihren Augen. Mein Gott, es war unerträglich! In rasender Wut schlug ich meine Zähne in das Gitter, riss und rüttelte, bis mir die Kiefer schmerzten. Alles umsonst. Es hielt stand. Während ich tobte und wütete, knurrte und winselte, waren meine Artgenossen nicht zur Ruhe gekommen. Sie beruhigten sich erst, als ich zähneknirschend aufgab, meinen Kopf gegen die Gitterstäbe presste und erschöpft die Augen schloss. Dann aber geschah ein kleines Wunder. Eine Wölfin löste sich aus der Gruppe und wagte es, mich zu begrüßen. Sie steckte ihre Nase durch das Gitter und berührte mich sanft. Sie witterte in mein Fell und stupste in meine Mundwinkel. Sie leckte mir über die Schnauze und gab ganz leise, zarte Töne von sich. Ich konnte gar nicht anders, ich musste die Augen öffnen. Vor mir stand die hübscheste Wölfin, die ich je gesehen hatte. Klein und zierlich, mit einem Pelz, der fast so schwarz war wie die Nacht. Und ihre Augen! Ganz hell, heller als Bernstein. Wenn sie nur nicht dieses irre Flackern gehabt hätten…

Nachdem wir uns – soweit das unter diesen unwürdigen Umständen möglich war – nach Wolfssitte begrüsst hatten, begann die junge Wölfin zu erzählen. Natürlich nicht in der Menschensprache. Wir Wölfe haben eine eigene, ziemlich komplizierte Sprache, mit der wir alles ausdrücken können, was uns bewegt. Ich erfuhr Unglaubliches. Die kleine, sanfte Wölfin, die nie ihr Gefängnis verlassen hatte, die hinter Gittern zur Welt gekommen war, erteilte mir eine Lektion, an der ich mein Leben lang kauen werde. Eine Lektion über die Gemeinheit und Grausamkeit der Menschen.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass meine Artgenossen auf der ganzen Welt verfolgt werden. Dass sie erschossen und vergiftet werden. Dass man sie in Fallen zu Tode quält, nur um ihnen den Pelz über die Ohren zu ziehen. Dass man sie aus ihrer Heimat vertreibt. Dass man sie in Gefängnisse steckt, die »Tiergärten« genannt werden, damit sie von Menschenkindern bestaunt und begafft werden können. Erst dachte ich, sie lügt, die kleine Wölfin. Woher will sie das wissen, wenn sie nie ein richtiges wildes Leben geführt hatte. Ich war überzeugt, sie übertreibt, um sich interessant zu machen oder mir einen Schrecken einzujagen. Doch so war es nicht. Leider! Ihre Erklärung war einfach und glaubwürdig:

Sie hatte diese schrecklichen Geschichten von ihrer Mutter gehört. Die nämlich war frei geboren und lebte bis zu ihrer Gefangennahme in einem fernen, weiten Land. Sie war ein Wildfang, eine unbezähmbare Menschenhasserin. Sie ließ keinen Zweibeiner an sich heran und zeigte jedem, der sich ihr näherte, die Zähne. Kein Zoo – ja, es gibt viele Namen für diese Gefängnisse – wollte sie haben. Noch nicht einmal geschenkt. Schließlich ist sie hier gelandet als Gefährtin eines alten, halbblinden Wolfsrüden. Sie vertrug sich gut mit ihm. Sie stammte aus seiner Sippe, sprach seine Sprache und teilte sein Schicksal. So etwas verbindet und tröstet. Was ich nicht für möglich gehalten hätte: Sie hat in diesem Loch sogar Junge zur Welt gebracht! Danach wurde sie ruhiger und umgänglicher. Eine ganze Zeit lang war sie damit beschäftigt ihre Kinder großzuziehen. Doch plötzlich – es war mitten in einem schneereichen Winter – muss ihr unbändiger Freiheitsdrang wieder erwacht sein. Eines Nachts gelang es ihr mit einem Riesensatz das Gitter ihres Gefängnisses zu überspringen und zu entkommen. Natürlich haben die Zweibeiner ein Riesentheater gemacht. Eine ganze Armee war auf den Beinen um sie zu jagen. Man wollte sie wieder haben – tot oder lebendig. Umsonst, niemand hat sie je wiedergesehen.

Kurz nach dem Verschwinden seiner Gefährtin starb der alte Wolfsrüde. Nein, es war nicht Altersschwäche. Er starb an der Einsamkeit des Herzens. Eine Todesursache, die bei eingesperrten Tieren gar nicht so selten ist. Die Menschen haben ja keine Ahnung.

Auf meine Frage, warum sie nicht auch geflohen sei, schüttelte die kleine Wölfin nur ihren schönen Kopf. Nach der Flucht ihrer Mutter wurden die Gefängnisgitter verstärkt und erhöht. Kein Wolf – und wäre er noch so geschickt – kann sie seitdem überwinden. Was aber viel schwerer wiegt, Wölfe, die in Gefangenschaft geboren und aufgewachsen sind, taugen nicht mehr für die Freiheit. Das jedenfalls behauptete die kleine Schwarze, bevor sie wieder zu ihren Geschwistern zurücktrabte. Schweren Herzens machte ich mich wieder auf den Weg. Und obwohl ich spürte, dass vier gelbe Augenpaare mir Löcher in den Pelz brannten, hielt ich stand. Ich ging ohne Abschied und ohne mich noch einmal umzudrehen. Der Blick zurück – er hätte mir das Herz gebrochen.

Die Begegnung mit meinen gefangenen Artgenossen hatte mich verändert. Meine Unbekümmertheit war dahin. Misstrauisch und ängstlich setzte ich meine Wanderung fort. Nur im Schutz der Dunkelheit wagte ich mich in die Nähe menschlicher Behausungen. Die Tage verbrachte ich dösend, doch immer fluchtbereit, in notdürftigen Verstecken. Einmal sogar in einem verfallenen Menschenhaus. Nicht selten hörte ich Menschenstimmen und sah von Hunden bewachte Schafherden vorüberziehen. So quälend langsam, dass ich ihnen am liebsten Beine gemacht hätte. Zum Glück hatte ich von den Hütehunden nichts zu befürchten. Sie entfernen sich nicht von den Schafen und verrichten gewissenhaft die Arbeit, die ihnen zugewiesen wurde. Manch einer, der meine Spur kreuzte und meine Witterung in die Nase bekam, hob den Kopf, prüfte den Wind und entblößte knurrend die Zähne. Er wäre mir liebend gern auf den Pelz gerückt, aber sein Pflichtgefühl hielt ihn davon ab. Die Schäfer haben nie gemerkt, dass ich ganz in ihrer Nähe war. Wie sollten sie auch? Ihre Augen sind schlecht, ihre Nase stumpf und ihre Ohren taub.
Wahrscheinlich wissen sie gar nicht mehr was das ist: ein freier Wolf. Wir kommen ihnen erst wieder in den Sinn, wenn sie ein Schaf vermissen. Doch an Schafen, das schwöre ich, habe ich mich nie vergriffen! Obwohl es keine Kunst gewesen wäre. Besonders nachts, wenn sie eng gedrängt auf der Weide stehen, die angebundenen Hütehunde sich die Seele aus dem Leib bellen, während die Zweibeiner in ihren Häusern ruhig schlafen. Es soll Kläffer-Banden geben, die im Schutz der Dunkelheit durch die Lande ziehen und sich einen Spaß daraus machen, Terror, Mord und Totschlag zu verbreiten. Abartig! Damit will ich nichts zu tun haben.

WolfVom platten Land hatte ich die Nase gestrichen voll, und ich war heilfroh, als ich endlich eine bewaldete Gegend erreichte. Ausgedehnte Wälder mit Gestrüpp und Gesträuch und kleinen Lichtungen, das ist es, was mir zusagt. Hier kann ich mich verbergen, ruhen, schlafen, meine Nahrung suchen und nach Lust und Laune umherstreifen. Kurz, all das tun, was ein Wolfsleben lenbenswert macht. Bisher hatte ich mit Mühe und viel Glück überlebt, jetzt wollte ich leben. Nicht leben wie ein Hund. Leben wie ein Wolf!

Meine Laune besserte sich. Ich hätte aus vollem Halse singen können. Aber so unvorsichtig war ich natürlich nicht. Es ist nicht gut, wenn ein einsamer Wolf aller Welt verrät, wo er steckt. Also verhielt ich mich ruhig und verbarg mich, bis der volle Mond den Wald zum Leben erweckte. Und was für ein Leben! Unglaublich, was da plötzlich alles auf den Beinen war: Mäuse, Igel, Marder, Füchse, ein Dachs, Rehe, eine ganze Wildschweinfamilie und sogar Hirsche. Hirsche! Den letzten bin ich in meiner Heimat begegnet. Welch sonderbarer Wald, grübelte ich, wo so viele Tierarten offenbar in Frieden leben und auch noch satt werden. Erst als das Getrippel und Getrappel nachließ, wagte ich mich aus meinem Versteck. Vorsichtig und jedes Geräusch vermeidend, folgte ich den großen Huftieren. Nein, nein, ich hatte nicht vor sie zu jagen. So vermessen war ich nicht. Alleine bestand nicht die geringste Chance, das wusste ich nur zu genau. Ich bin einfach von Natur aus neugierig.

Mit tiefer Nase sog ich ihre Witterung ein und hatte plötzlich einen ganz anderen Geruch in der Nase: Mensch! Groß, stark, männlich! Welch eine Enttäuschung. Es scheint kein Fleckchen Erde mehr zu geben, wo er nicht seine Spuren hinterlassen hat. Während ich noch rätselte, was ein Zweibeiner in dieser Wildnis zu suchen hat, umwehte mich ein anderer, äußerst reizvoller Duft. Fleisch! Nicht mehr ganz frisch, daher besonders begehrenswert.

Hunger, Hunger, Hunger! Es meldete sich wieder, dieses quälende Gefühl, das alles aus dem Kopf fegt, bis er so leer ist wie der Magen. Meine Gier war grenzenlos. Ich konnte gar nicht anders, ich musste dem Geruch folgen. Ein kurzer Trab, dann gingen mir die Augen über. Da erhob sich am Rande einer Lichtung ein Fleischberg, so mächtig, dass ein ganzes Rudel Wölfe davon satt geworden wäre. Ich nahm gerade noch wahr, dass schon Füchse und Wildschweine ihre Spuren hinterlassen hatten, dann bediente ich mich. Ich aß ohne Manieren, ja, ich fraß! Ich riss, ich schabte, ich kaute, ich schluckte, ich schlang. Wie gut das tat! Herrlich!

Plötzlich, mitten im schönsten Schlingen und Malmen, traf mich der Blitz. Nein, es war eine gewaltige Explosion. Sie riss mich von den Beinen, pustete mir das Gehirn aus dem Kopf und hinterließ nichts als roten, brennenden Schmerz. Sie machte mich taub und blind und zog mich hinunter in ein tiefes schwarzes Loch. Ich fiel und fiel, doch der erwartete Aufprall kam nicht. Stattdessen spürte ich, wie mir irgendetwas in die Flanke gestoßen wurde. Einmal, zweimal, dreimal. Der stechende Schmerz brachte mich wieder zurück in diese Welt. Mein Gehirn schrie sofort Alarm: Achtung, Mensch! Groß, stark und übelriechend. Rühr dich nicht, halt aus! Er meint, du bist erledigt. Und tätsächlich. Ein grässlich schwitzende Kerl beugte sich über mich, atmete pfeifend aus und hängte sich das Ding, mit dem er mich traktiert hatte, über die Schulter. Dann wandte er sich um und ging weg.

Das war meine Chance. Ich nahm alle Kraft zusammen und rappelte mich auf. Meine linke Hinterhand war nicht mehr zu gebrauchen, die Schmerzen brachten mich fast um den Verstand, trotzdem gelang es mir, mich unbemerkt davonzustehlen. Auf drei Beinen! Dass ich eine Blutspur hinter mir her zog, war mir gar nicht bewusst. Ich hatte meine Haut gerettet, nur das zählte. Mit letzter Kraft hinkte ich weiter und weiter und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Dort, wo ein umgestürzter Baum ein Loch in den Boden gerissen hatte, fand ich einen Unterschlupf. Ganz vorsichtig ließ ich mich ins Farnkraut sinken. Da bemerkte ich das Blut. Es tropfte stetig aus einer tiefen Wunde und versickerte im Waldboden. Ich hatte das Gefühl, als liefe mein ganzes Leben aus mir heraus. Frei von Schmerz und leicht wie eine Feder beobachtete ich staunend wie ich immer weniger wurde.

Nicht auszudenken, wenn mich der stinkende Zweibeiner in diesem Zustand gefunden hätte! Er hätte mir noch eine Kugel in den Pelz gejagt, um mich von einem Leiden zu erlösen, das er mir selbst zugefügt hat. (Dass aus dem Ding, das er bei sich trug, der Tod kam, ahnte ich damals schon). Möglicherweise hätte er mich an Ort und Stelle verscharrt und niemand hätte je etwas von mir erfahren. Vielleicht hätter er mich auch ins nächste Dorf geschleift und allen, die es hören wollen, das Märchen vom bösen Wolf erzählt.

Dass es nicht so weit kam, verdanke ich einem Schutzengel. Warum sollen Wölfe keinen Schutzengel haben? Meiner kam in Gestalt einer Wölfin. Bei einem Streifzug durch ihr Revier, in dem ich Schutz gesucht hatte, war sie auf meine Spur – die Blutspur – gestoßen. Im Morgengrauen fand sie mich. Ich lag mehr tot als lebendig auf meinem Farnlager. Wie sie es fertigbrachte, dass ich nach drei Tagen wieder zu mir kam, bleibt ihr Geheimnis. Ich glaubte an Fieberträume, als ich das dunkle Gesicht mit den hellen Augen erblickte. Und ich brauchte eine ganze Weile bis ich begriff, wem ich meine Rettung zu verdanken hatte. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Der dunkle Pelz, die bersteinfarbenen Augen, die schlanke Gestalt. Und dennoch war sie es nicht, die kleine Zoo-Wölfin. Es war ihre freiheitsliebende Mutter! Die Ausbrecherin. Eine mit allen Wassern gewaschene Einsiedlerin, deren geheimes Leben durch mein Unglück einen unverhoffte glückliche Wendung nehmen sollte.

Ich will nicht vorgreifen. Zunächst war ich überhaupt nicht erfreut, dass sie mich zwang, mein Krankenlager zu verlassen. Doch sie hatte sich in den Kopf gesetzt, mich schnellstens in ihre eigene Höhle zu bringen. In diesem Punkt war sie unerbittlich. So knuffte, schob und traktierte sie mich so lange, bis ich tatsächlich wieder auf die Beine kam. Auf drei wohlgemerkt. Die verletzte Hinterhand schonte ich so gut es ging. Was für ein Mühe! Die Strecke, für einen gesunden Wolf ein Katzensprung, zog sich elend in die Länge. Schließlich erreichten ich völlig erschöpft den Unterschlupf meiner Retterin. Ich hätte ihn gar nicht bemerkt, so gut versteckt war er. Hinter dem Gewirr von Ästen und Zweigen, die den Einschlupf tarnten, hätte kein Mensch eine so geräumige Höhle vermutet, geschweige denn die Wohnung einer Wölfin.

Kaum hatte ich es mir ächzend und stöhnend bequem gemacht, da schoss die Schwarze mit einem wütenden Aufschrei wieder ins Freie. Gleich darauf erklang ein erbärmliches Jaulen, so erbärmlich, dass es nur von einem Ringelschwanz stammen konnte. Ein Schnüffler! Er war mir auf der Spur! Und wo sich Schnüffler herumtreiben, sind ihre zweibeinigen Führer auch nicht weit. Das war also der Grund für ihre Ungeduld. Sie kannte das Leben. Sie wusste aus Erfahrung, wovor man sich in acht nehmen muss, wenn man auf der Flucht ist. Sie ahnte, dass der Kerl, dem ich entwischt war, nach mir suchen würde. Kein Zweifel, ohne ihre Hilfe wäre ich verloren gewesen.

Als die Schwarze wieder am Höhleneingang erschien und verächtlich ein Büschel heller Hundehaare ausspuckte, fürchtete ich schon, sie sei einen Schritt zu weit gegangen. Sie schüttelte sich vor Abscheu. Nein, sie hatte den Kläffer nicht kalt gemacht – nur einen Denkzettel verpasst. Er würde nicht noch einmal wagen, in ihrem Revier herumzuschnüffeln, dieser Helfeshelfer seines niederträchtigen Herren. Wie sie so da stand, bebend vor Zorn, mit gesträubten Nackenhaaren und feuersprühenden Augen – ein Bild von einer Wölfin…

Nach diesem Zwischenfall kehrte Ruhe ein. Sie tat mir gut. Ich konnte mich erholen und wieder zu Kräften kommen. Meine Verletzung heilte aus. Dass ich auf der Hinterhand etwas lahme, muss ich wohl in Kauf nehmen. Eine kleine Behinderung, nichts weiter. Es hätte schlimmer kommen können. Viel schlimmer.

Die schwarze Wölfin … ach was, ich will kein Geheimnis daraus machen. Jeder, der mich kennt, kann es sich denken. Die schöne Schwarze ist natürlich meine Gefährtin geworden. Sie trägt bereits schwer an unserem Nachwuchs. In ein paar Tagen ist es soweit Dann werden nach langer Zeit hier wieder Wölfe geboren. In Freiheit geboren!

Damit unser kleines Rudel in Frieden leben kann, eine Bitte an unsere Freunde: Nehmt uns in Schutz vor unseren Feinden. Ihr Hass auf Wölfe ist unausrottbar. Achtet besonders auf jene, die sich ein Vergnügen daraus machen, Tiere zu jagen. Obwohl sie kein Recht haben, uns Wölfen auch nur ein Haar zu krümmen, traue ich ihnen nicht über den Weg. Und sollte euch eines Tages ein hinkender Wolf begegnen, lasst euch nichts anmerken. Wir kennen uns nicht! Wir haben uns nie gesehen.

Text: Karin Hutter

 

Diese Seite teilen.Share on Facebook

Freunde und Förderer von animal public

Dienstag, 19. Juli 2005

Möglich ist die Arbeit von animal public nur, da es viele Menschen
gibt, die mit viel Zeit, Engagement und Know-How für den Schutz von
Tieren eintreten. An dieser Stelle möchten wir einigen dieser Menschen
danken.

Tim Burkhardt für die Erstellung dieser Homepage.

www.tim-burkhardt.de



Dem Deutschen Tierhilfswerk, das seit Jahren die Arbeit von animal public fördert

www.tierhilfswerk.de

Dem Deutschen Tierschutzbüro für die Unterstützung bei aufwendigen Recherchen
www.tierschutzbilder.de

Dem Team von Sterling MacGregor für die langjährige Beratung und Unterstütztung
www.sterling-macgregor.de

Diese Seite teilen.Share on Facebook